Der letzte Brief

 

Briefe berühmter Menschen

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.

Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu
entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die
Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 



Theodor Fontane

1819 - 1898


 




Am Abend des Tages, da er den letzten Brief an seine Frau geschrieben, kommt der Tod zu dem 78 jährigen Fontane. Er kommt, wie er ihn immer gewünscht hatte: schnell, „ ohne Feierlichkeit“. –

Frisch, gut gelaunt, speist Fontane zu Abend. Geht darauf ins Nebenzimmer. Hier findet ihn – zwei Minuten später – seine Tochter: tot über das Bett gelehnt.
Ein Herzschlag hatte diesen bis zuletzt jungen Dichter aus vielen Plänen und Entwürfen gerissen.



Theodor Fontane, geb. 30. Dezember 1819, gest. 2o. September 1898.

– An seine Frau.

Berlin, d. 20. September 1898.

Meine liebe Frau.

Dies sind nun also die letzten Zeilen, übermorgen Mittag dürfen wir Dich erwarten. Es freut mich, daß Du dies Zusammensein mit Deiner alten Freundin noch haben konntest. Unsere gestrigen zweite Gesellschaft verlief ebenfalls zufrieden stellend, weil alle voll guten Willens waren.
Daß dieser so oft fehlt, daran scheitern so viele Gesellschaften. Zu den Haupttugenden, die Z’s und wir in alter Zeit vertraten, gehörte diese absolute gesellschaftliche Zuverlässigkeit. Die meisten machen sich ein Vergnügen daraus, wenigsten den einen oder anderen zu ärgern. Mit Metas und meinem befinden ist es“ so, so“: man arbeitet am Trapez immer weiter und leistet dasselbe wie andre, aber es fehlt – einzelne Momente abgerechnet, wo einen Witz oder eine Skandalgeschichte erheitert – die rechte Freudigkeit, weil die Kräfte nicht ausreichen. Das prädominierende Gefühl bleibt doch immer: „ lägst du nur erst wieder im Bett. “ Bei mir ist dies Gefühl so stark, daß selbst meine berühmten Artigkeit zusammenbricht und ich mir sage: „ wird dir das und das übel genommen, nun so auch gut!“ Es ist vielleicht eine kleine Tugend, von dem Urteil der Menschen abhängig zu sein, aber bequemer haben es die Rüpel, denen all’ so was ganz gleichgültig ist.

Gestern Mittag ging ich eine Stunde spazieren und traf P.; er erzählte mir vom Tode seiner Frau und welchen „ goldenen Humor“ sie gehabt habe; er sei ganz gebrochen, alles habe jedes Interesse für ihn verloren, auch sein Geschäft, und dabei weinte er beständig. Er sei, um sich’ rauszureißen, in England gewesen und habe mit zwei englischen Nichten seiner Frau eine Reise nach Schottland gemacht. Die jüngere sei heiter und ausgelassen und habe den „ goldenen Humor“ seiner Frau; die ältere, die jetzt bei ihm sei, sei aber ernster. Ich glaube, es war ganz aufrichtig in seiner Trauer, und doch habe ich nie so stark den Eindruck gehabt: „ dieser Trauende wartet das Trauerjahr nicht ab“ ; einer der beiden Nichten muß es werden. Wohl die mir dem „goldenen Humor“ seiner Frau. So geht es. Und die Witwen sind noch flinker als die Witwer! -
Empfiehl mich allerseits aufs herzlichste, besonders Tante Johanna.
Wie immer Dein
Alter


 



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Ilse Linden/ Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag Berlin 1919