Der letzte Brief

 

Briefe berühmter Menschen

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.

Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu
entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die
Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 


Alfred Frank

1884 - 1945



 




Maler - geboren 1884 in Leipzig. - Erstmals 1938 wegen seiner Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus verhaftet und für ein Jahr gefangen gehalten. Nach der Freilassung nahm er die geheime Tätigkeit sogleich wieder auf und setzte sie bis zu seiner Verhaftung, 1940, fort, - Am 12. Januar 1945 in Minden hingerichtet.

Meine liebe Gertrud!

Dresden, den 12. Januar 1945

Soeben wurden mir die Fesseln gelöst, um Dir nochmals ein Lebewohl zu senden. Wir waren alle nochmals zusammen und erwarten heute unser körperliches Ende. Wir sind gefasst und einer so tapfer wie ' der andere.

Ich wollte, Du könntest uns sehen. Die Traurigkeit haben wir in der Zelle gelassen. Hoffentlich hast Du meinen Brief erhalten, den ich Dir am 5. d. M. geschrieben habe. Ich glaubte, dass ich schon am 4. hinuntergeführt würde, und war deshalb nicht wenig überrascht, als ich in Deinen Armen landete und ich Dich nochmals an mein Herz drücken konnte.

So vieles hätte ich gern mit Dir besprochen, aber in der Ueberraschung hatte ich keine klaren Gedanken und habe so vieles vergessen, was ich noch mit Dir besprechen wollte.

Doch ich glaube, dass Du selbst schon alles riechtig machst. Auch hier geht es Tempo, Tempo, so dass ich nicht auf Einzelheiten eingehen kann. Deshalb will ich mich kurz fassen. Bleib gesund und halte den Kopf hoch, so wie wir den Kopf noch so lange hochhalten, bis die Gewalt unseren Nacken niederzwingt.
An alle herzliche Grüsse und ein kräftiges Lebewohl.
Im Geiste bei Dir trotz Hunger.

 


Dein Alfred


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" Und die Flamme soll euch nicht versengen" / 1955 Steinberg Verlag Zürich 1955