Der letzte Brief

 

Briefe berühmter Menschen

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.

Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu
entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die
Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 




CHRISTIAN DIETRICH GRABBE

11. Dezember 1801-12. September 1836
 



Christian Dietrich Grabbe, der wild – genialische, aber haltlose Dramatiker, wurde als Sohn des Zuchthausverwalters in Detmold geboren. Zwei Briefe, des Dreizehn - und des Sechzehnjährigen, aus seiner Gymnasialzeit legen Zeugnis ab von seiner ungestümen Leidenschaftlichkeit, wie sich auch in wüsten Zechgelagen offenbarte, die von der Jugendzeit ab seine Gesundheit wie seine äußeren Lebensumstände zerrütten sollten. Unangenehm wirkt es wie er dem Vater vorrechnet, was dieser an ihm erspart hat, überhaupt der ganze hochfahrende Ton, der von der inneren Kraft und Dauerhaftigkeit seines Wollens nicht überzeugt. Das auch in diesen Briefen lodernde dramatische Feuer scheint Strohfeuer.
Mit fünfzehn Jahren hat er bereits ein Drama geschrieben, aber seine großen Anlagen ausreifen zu lassen, war ihm nicht gegeben.
 

 

ERSTER BRIEF

 

Liebe Eltern! [ 1815]

Schnell ergreife ich die Feder, da ich höre, dass mein Vater mit mir nach Meinberg will!
Ich habe einen heftigsten Wunsch, Wunsch sage ich? – die heftigste Begierde, die größte Leidenschaft nach einem Buche. Aber ach, alle meine Wünschen scheitern, meine Ruhe ist dahin auf lange, lange Zeit, es ist – es ist --- ich bin verwirrt, ich vermag es nicht zu schreiben, es ist - - - o Gott --- zu teuer. Zitternd schreibe ich es. Wie gern gäbe ich vieles von meiner Kleidung dahin, um es zu erhalten, allein dies würdet Ihr nicht erlauben, doch geht es, so erlaub’ es Vater, liebe Mutter!
Bedenkt, bedenkt, dass wahrscheinlich die Ruhe Eures Sohnes auf lange davon abhängt. Abschreiben möcht ich es, aber es sind 14 Bände. Schon seit langer Zeit habe ich mich mit dem Wunsche es zu erhalten, umhergetrieben, schon lange Wochen nagte innere Unruhe an meinem Herzen. Dies Herz war zu voll, zu besorgt, als dass es hätte hoffen können, es über die Lippen zu bringen oder es zu schreiben. Daher war jener finstere Trübsinn, dem ich ganz nachhing, wo ich überall stand und in mich selbst versunken war, Ihr wolltet ihn vertreiben, allein ich bange ihm jetzt noch in einsamen Stunden nach, dann hoffe ich, ihn in Eurer Gesellschaft zu zerstreuen, durch Frohsinn darin auseinander zu treiben, oder vergebens, habe ich mich entfernt, so umhüllen wieder finstre Wolken meine sonst jugendliche freie Stirn.

Darum murrte ich, wenn ich ein neu Kleid bekam: ach dachte ich, du hast der Kleider so viele, hättest du doch das Geld dafür, dass du es zum Buche brauchen könntest. Ach Gott wie gern, wie freudig wollte ich auf manches Verzicht tun, dann will ich wahrhaftig lange kein ander Buch als Schulbuch, lange kein neu Kleid haben, und Dir, durch kindlichen Gehorsam, soviel wie ich kann, und was doch meine Schuldigkeit ist, Dein Alter versüßen.
Da ich so ungeheure Liebe zur Geographie habe, so habe ich eine solche Begierde darnach, es ist von dem so berühmten Zimmermann, Taschenbuch der Reisen, bei Gerhard Fleischer zu Leipzig mit Kupfern und Karten. Verschreibst Du es mir, so will ich alles Unnötige verkaufen.

O Gott, welch ein Tag habe ich heute wieder gehabt, ich habe das Buch immer vor Augen gehabt. Ganz genau weiß ich den Preis selbst nicht, frag’ daher erst die Buchhandlung ja darum, dass sie es Dir nicht schicken und es wäre Dir zu teuer. Jetzt wollte ich Dich warnen, mich mit nach Weinberg zu nehmen, weil dann das Geld, was ich da verzehren würde, besser zum Buch angewandt wäre. Ich will keine Butter mehr essen, Kaffee wenig trinken. Frag’ doch den Dienstag um den Preis des Buchs und verschreibe es darnach, wenn Du kannst, bednk’, meine Ruhe hängt lange, lange davon ab, jetzt beschließe ich diesen manchen Zähren und Schluchzen geschriebenen Brief.

Euer geliebter Christian

Die Schrift konnte ich wegen meiner Unruhe nicht besser machen.
Zum Zeichen, dass ich aber alles mögliche getan habe, lege ich meine Aufsätze zum Durchsehen bei und bitte, sie weder auf die die Kammer unten in mein Bücherbett zu legen.

BRIEF 2

Detmold Februar 1818

[Detmold Februar 1818]
Liebe Eltern!
Ich habe ein Buch verschrieben, aber schon seit ½ jahre, und konnte es zurücksenden, wenn es kam. Ich will eine kritische Beleuchtung hierüber anstellen.
1. War es erlaubt, ein Buch ohne das Wissen meiner Eltern zu verschreiben?
Erlaubt war es nicht, aber zu entschuldigen ist es, weil ich fürchtete, es Euch zu sagen, weil es ein halt Jahr wohl hin ist, und weil ich das Geld desselben ersparen konnte. - Nun ist die Frage übrig, ob es das Buch wert ist, das es verschrieben wird. - In jedem meiner Bücher kannst Du das Lob seines Verfassers lesen. Es ist in seiner Art das erste Buch der Welt und gilt bei vielen mehr als die Bibel, denn es ist das Buch der Könige und des Volkes, es ist das Buch, wovon einige behaupten, dass es ein Gott geschrieben hat, es sind:

Die Tragödien Shakespeares,

des Verfassers des Hamlets, die schon 300 Jahr bekannt sind. Diesen hat Deutschland seine Bildung zu verdanken, den sie regten zuerst Goethen, den größten Deutschen, auf; sie waren es um welche Schiller, als er seine Stelle aus ihnen hatte verlesen hören, nach Stuttgart reiste und, von ihnen befeuert, die Räuber schrieb; deshalb kannst Du mir verzeihen, dass ich von ihnen eingenommen bin.

Du weißt, wie nützlich es ist, sich durch Nebenarbeiten auf Universitäten Geld zu erwerben oder auch nach der Studienzeit im Überfluß leben zu können. - Das kannst Du nur durch Schriftstellerei, denn man hat sogleich kein Amt. – Ich kann aber bloß das Schreiben ( außer der Jura oder Medizin die ich vielleicht studiere), was in Shakespeares Fach schlägt, Dramen. – Durch eine Tragödie kann man sich Ruhm bei Kaisern und Honorar bei Tausenden erwerben, und durch Shakespeares Tragödien kann man lernen, gut zu machen, denn er ist der erste der Welt, wie Schiller sagt, bei dessen Stücken Weiber zu frühzeitig geboren haben.
Der Shakespeares ist aber so schwer zu verstehen, dass man Monate an einer Seite, wie an dem Monolog im Hamlet: Sein oder nicht sein usw. studieren muß, und jahrelang, wenn man etwas daraus lernen will, darum wünsche ich ihn eigen zu haben. – Im Englischen habe ich einen Band von ihm und daraus kann ich englisch lernen.
Sieh! So nötig habe ich ihn! – Du meinst, es koste Dir viel Geld, ihn zu verschreiben. – Das ist so nicht. – Sieh, ich habe gar keine Bücher gekriegt!
Wir mussten Schulbücher haben! Ich habe sie geliehen, alte Ausgaben gebraucht, um Dich nicht zu belästigen! - Meinst Du , es mache mir Spaß, mich mit den großen 400jährigen pergamentenen Büchern zu schleppen?
Ich musste einen Atlas haben ( beim Rektor ) von der Welt vor Christus. – Alle haben ihn. – Ich nicht. - Ich sehe mit andren aus und musste einzelnen Charten leihen – der Atlas kostet 2 Rtlr. - Ich habe sie Dir erspart. Frag’ nach, ob’ s nicht so ist.
Ich musste bei Köhler haben: Nitsch alte Geographie. Kostet 1 Rtlr. - ich habe ihn erspart und mit anderen ausgesehen.

Ich musste haben: Cicero delegibus bei Moebius, 24 Gr. - ich habe eine alte Ausgabe geliehen, habe Dir nie etwas davon gesagt. –
Ich musste haben bei Moebius: Terentil Com: 1Rtlr. 12 Gr. - Ich sah mit einem anderen aus.
Cicero de Senectute 12 Gr. Bei Moebius habe ich geliehen. Ebenso wie Steins Geographie ( 24 Gr.) bei Prutz. – Sieh , diese Bücher habe ich Dir erspart mit Mühe und Verdruß, und hättest Du sie mir angeschafft, so hättest Du 6 Rtlr. bezahlen müssen. –
Denke Dir, du hättest die 6 Rtlr. Zurückgelegt und wolltest sie nun für die neun Bände vom Shakespeare anwenden. –
Doch dies verlange ich nicht einmal. – Erstlich verspreche ich Dir heilig, dies Jahr kein Buch von mehr zu fordern. – Wenn die Meyersche Buchhandlung jetzt das Buch schickt, so erhalten wir erst Ostern 1819 oder ein ganzes Jahr später die Rechnung von Lemgo und brauchen dann erst zu bezahlen. –
Nun erhalte ich jeden Tag einen Groschen oder auch wohl einen Gutengroschen. Diesen gib mir noch bis diesen Ostern an bis Ostern 1819 will ich kein Taschengeld haben. Das macht über 10 Rtlr. – Hiermit kannst Du das Buch bezahlen, ohne mehr Geld wie sonst auszugeben über ein Jahr.


Also schreib hin nach Lemgo, sie solltens schicken, Du kannst es aber abbestellen. Ich möchte es so gern haben, es ist mir dienlich und so vieles andere. Willst Du es abbestellen oder vorschreiben? – Dein Sohn
Die Schuld ist abbestellt. Zeig’ ja diesen Brief niemand, niemand.

 

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aus; Jugendbriefe berühmter Männer/ Verlag " Die Buchgemeinde Berlin 1924
Ausgewählt  und eingeleitet von dr. Joh. Rohrn

 

 

 

LETZTER BRIEF


Zehn Theaterstücke hatte er vollendet, aber kein wurde gespielt. Mit allen Freunden zerstritten, auch mit seiner Frau, die von ihm eine Karriere als Jurist verlangte. Er verließ sie und kehrte als bettelarme und todkranker Alkoholiker nach Detmold zurück. Doch sie verweigerte ihm den Zutritt in das schäbige gemeinsame Haus. Seine letzten Wochen verbrachte er umgeben von Bierflaschen und Manuskriptseiten apathisch im Bett.

**Krank, ohne Mitte, kehrt Grabbe nach zweijähriger Abwesenheit zurück nach Detmold; zu seiner aufs äußerste erbitterten Frau. Er hat sie jäh verlassen. Sie weigert ihm nun den Eintritt ins Haus. Mit Polizeigewalt dringt er ein. Es beginnen die letzten schweren Tage. Grabbes Mutter kämpft mit der Frau um den Platz am Bette des Sterbenden. Die Mutter siegt. Sie ist es, die dem Sohne die Augen zudrückt.

Frau!

Übermorgen früh, Schlag neun Uhr, zieh ich in mein Haus. Vorerst denk' ich mein altes Zimmer nebst Schlafkammer, beide parterre, zu wählen. Ich hoffe sie mit allen Möbeln so imstande zu finden, als sie waren. Den Doppelschlüssel zu dem Zimmer, wovon unter anderem der Sergeant Schulz vielleicht zu sagen weiß, bitt ich mir auch neben dem Hauptschlüssel aus. Hast Du mehr Doppelschlüssel, so begehre ich alle, um sie zu vernichten. Einen Hausschlüssel (Du hast 2, wo nicht mehr) verlang' ich gleichfalls. Übermorgen früh halb neun Uhr hat Sophie bei mir zu erscheinen, oder sie ist übermorgen mittag 12 Uhr außer Diensten. Warum Du gestern das Publikum aufzuregen geschienen und den Pedell Priester vielleicht hast rufen lassen, begreif ich nicht. Es wird wohl nicht von Dir herrühren. Ein Ehemann kann übrigens in sein Haus treten. Ich tat Dir dabei nichts zuleide. Sei klug. Bedenke, unser Interesse ist gemeinsam. Handle nicht dagegen. Ich werde Dich nie verletzen. Fremde Ratgeber nützen wenig.

Christian Dietrich Grabbe Detmold, den 24. Juli 1836.







 

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