Der letzte Brief

 

Briefe berühmter Menschen

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.

Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu
entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die
Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

 

 


„Ein System ohne Demut und Güte ist zum Scheitern verurteilt."



HARNACK ERNST VON

1888 - 1945


 


Regierungspräsident

Geboren am 15. Juli 1888 in Marburg; hingerichtet am 5. März 1945 in Berlin. Den Sohn des großen Theologen Adolf von Harnack und Urenkel Justus Liebigs führte ein tiefes und verantwortungsbewußtes Mitfühlen mit den Armen und Enterbten in das Lager der Sozialisten. Im Dritten Reich half er die Verbindung zwischen den sozialdemokratischen Führern und dem militärischen Widerstand herstellen und bezahlte dafür mit seinem Leben. Er starb als Sieger, nicht als Besiegter. Er wollte — so lautete seine Bitte an den Zellennachbarn, der eine Geige besaß — mit einem christlichen Triumphlied im Ohr scheiden: vexilla regis prodeunt. ..

Aus einem Brief an seine Schwester Anna Frucht von Harnack, die vor einer Katechetenprüfung stand

Berlin-Moabit, den 7. Dezember 1944

... Bei Deiner Prüfung legst Du gewiß Ehre ein — geprüft wird unsere Generation schon recht lange, und härter, als wir es uns träumen ließen „als die Tage heiter glänzten".
Meine Prüfung meistere ich, indem ich den — nicht geringen — Spielraum, der dem Untersuchungsgefangenen überlassen ist, bis zum Rande ausfülle mit Film-Gestaltung, Bastelarbeiten zu Weihnachten für hiesige praktische Zwecke, Schreiben und Lesen, ja, Studieren. Aber alles ohne Krampf, so daß ich doch immer einmal ruhig die Augen erheben und ohne Grauen der Zukunft entgegenblicken kann.
Zwischen dem Leben draußen und mir liegt infolge der Langsamkeit der Verbindungen eine Art von Isolierschicht, mit der ich mich aber abgefunden habe. .

An seine Frau

28. Oktober 1944

Ich möchte diesen Brief mit der beruhigenden Erklärung beginnen, daß Dir, den Kindern oder sonstigen Angehörigen durch meine Inhaftierung keinerlei Gefahren drohen ...
Es steht ernst um mich, aber es ging um Großes, und ich bin nicht aus Leichtsinn in meine jetzige Lage geraten. Die äußeren Umstände meines Lebens sind tragbar — einschließlich der Alarme in der verschlossenen Zelle.
Sie sind ein Nichts im Vergleich zu den seelischen Belastungen und Anfechtungen. Sie zu tragen und zu überwinden ist ein schweres, schweres Werk, dessen Leistung alle Kräfte der Seele, des Charakters und des Geistes erfordert.
Gott hat mir bisher diese Kräfte geschenkt, und Ihr, meine Lieben, habt sie mir durch Eure Wünsche und Fürbitten, Euere Gänge und Gaben gestärkt.
Nun nehmt mir noch eine große Last vom Herzen, indem Ihr mir versichert, daß Ihr Euch nicht um mich sorgt mit jener zermürbenden Sorge, die Jesus Christus uns für immer hat nehmen wollen...
Ihr habt alle schwer zu tragen, und die kommenden Zeiten werden neue Prüfungen bringen. Da wäre es mein Herzenswunsch, daß der Gedanke an mich nicht zur Verdunklung Eures Lebens beiträgt, sondern daß von meiner stillen Zelle ein Strom der Beruhigung und der Kraft ausgeht, auf Euch und alle, die mir nahestehen.
Nicht, daß ich die Welt schon überwunden hätte. Dieser große Abschluß wird noch manch bittere Arbeit und manche Geduld kosten.
Auch mag es wohl sein, daß mir der Todesengel, der mich schon oft streifte, auch diesmal noch Zeit gibt. Aber es wäre töricht und unmännlich, alle Hoffnungen auf den Eintritt irdischer Wunder zu setzen.
Das Wunder der Gnade ist es, dem ich zustrebe. Ich habe schon einen Strahl von ihm verspürt — sonst könnte ich diesen Brief nicht schreiben — und hoffe zu Gott, daß mich Seine Gnade über alles Bangen über mein äußeres Schicksal hinwegtragen wird.
Apokalyptische Zeiten wie diese mit ihren ständigen Gefährdungen und Verlusten lassen den Wert des Lebens gering erscheinen, den der Seele aber hell aufleuchten. Wir wollen uns seelisch in einer Sphäre vereinen, in der es keine eisernen Gitter und Tore gibt...



Berlin-Moabit, den 25. Dezember 1944 1. Weihnachtsfeiertag

Aus vollem Herzen danke ich Dir und den Töchtern für die schönen Weihnachtsfeiertage, die Ihr mir bereitet habt und noch bereitet.
Eure Sendungen haben dazu beigetragen, daß ich wie mit Adlersflügeln über die seelischen Klippen dieser erinnerungsreichen Zeit hinweggetragen wurde.
Nicht zuletzt, weil ich meinen Mithäftlingen mit den 23 Gewinnen aus 23 Losen meiner „Moabiter Weihnachtslotterie" eine wirkliche Freude bereiten konnte. Eure Brieflein, Briefpapier, die schön gemalten Karten der Töchter und einiges, was ich aufgespart hatte, lag säuberlich verpackt und mit getuschten Nummern versehen auf meinem Tablett (hergestellt aus Aktendeckel, Pappe und Goldpapier), bedeckt mit der weißen Spitzendecke und einem „Ziehungsplan", der den durch ein Zellenfenster scheinenden Weihnachtsstern als Emblem trug.
Nachmittags putzte ich mein Edeltännchen, für dessen Erstehung ich R. nicht genug danken kann, verfertigte ihm noch einen guten Spitzenstern und befestigte Eueren Adventsengel daran.
Der kleine Arbeitstisch daneben, dessen ich mich seit einiger Zeit erfreue, wurde mit der blütenweißen Papierdecke zum Gabentisch. Kuchenschachteln und Stollen gruppierten sich um die vertraute Schnitzkrippe.
Und Bücher! . . . die immer herzerfreuenden Mozartbriefe, den betulichen, gemütvollen Timmermanns und die Gedanken zur Kunst von Carus, dem hochbedeutenden Arzt, Maler und Schriftsteller der Romantik, von dem ich schon immer etwas lesen wollte. Abends hatte ich die Kerzen entzündet und nur die Wandlampe hinter R's vollendeter Transparent-Krippe brennen lassen.
Es war schön, vielleicht zu schön, denn als ich die Familienbilder betrachten wollte, kam mir immer etwas in die Augen, was sie trübte . . .
Da krachte die Zellentür, und es erschien der Kommandant des Gefängnisses, ein ritterlicher Mann, schüttelte mir die Hand und sagte, er habe sich über meine Betreuungsarbeit gefreut und wollte mich mal kennenlernen. „Theo", den wackersten der Kalfaktoren, hatte er mit meinem Lotterie-Tablett gleich mitgebracht, und nun erhielt ich die Erlaubnis, die Verlosung in einer Zelle des Souterrains, wo fünf Kalfaktoren liegen, selbst vorzunehmen.
Da blieb ich nun ausgiebig und werde diesen Abend ebensowenig vergessen wie den Weihnachtsabend vor einem Menschenalter, im dunklen Zuge von der Westfront nach Luxemburg, und den vor einem Jahr auf der Orgelempore der Fieberbrunner Kirche.
„Schicksale gebündelt" taten sich da auf, und ich mußte an Papas derbes, aber wahres Wort denken: „Der Mensch ist ein zähes Luder!" Und wieviel anständige Gesinnung, wieviel Herzenskultur hatte all' diese Schicksale überdauert!

So wurde ich über meine eigenen Sorgen und Nöte hinweggetragen, und als ich wieder in der Zelle war, da konnte ich jene Bilder mit ungetrübten Augen vor mir ausbreiten und die Zeiten wieder erwecken, in denen sie entstanden waren.
Dank stieg in mir auf und überstrahlte jede Anwandlung der Wehmut....

In herzlicher Verbundenheit

Dein Ernst


Frau von Harnack an Frau v. S.

Zehlendorf, den 10. März 1945

Meine liebe A.!
Nun ist das Furchtbare doch geschehen, vor dem wir so große Angst hatten, das wir aber doch nie wirklich glauben konnten. Mutig und aufrecht ging er seinen Weg bis zum Ende und blieb seiner Überzeugung treu.
Er ist für seinen Glauben gestorben. Er sagte: „Es ist nicht entscheidend, daß man das Ziel erreicht, sondern daß man den richtigen Weg geht."
Für uns Zurückbleibende ist es nun traurig und leer . . . Nun müssen wir unsere Herzen fest machen, das Schwere zu tragen .....
 

 

 

 

 


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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider