Der letzte Brief

 

Briefe berühmter Menschen

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.

Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu
entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die
Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 


 

Hartleben Otto Erich

  1864 - 1905

 

 

An Dr. Cäsar Flaischlen


Halkyone –Salo, 2. Febuar 1905
 


Mein lieber Cäsar!

Herzlichen Dank für deinen Jost. Ich habe ihn selbst noch nicht gelesen, weil meine Frau Schwester Annemarie zur Zeit bei mir weilt. Du bist ihr Lieblingsdichter, wie du weißt, und so entriß sie mir denn die beiden Bände und zog sich, um sie zu genießen, mit ihrem Baby Rosemarie zurück.
Sie ist von dem Buche entzückt und ihre Freude darüber ist nur durch einen Unglücksfall getrübt. Während sie nämlich die beiden Bände in einem Athemzuge verschlang, vergaß sie darüber ganz, dass das Baby ihr über dem linken Arme hing, und hörte nicht mehr auf sein erbärmliches Hungergeschrei.
Endlich, als sie den letzten band geschlossen hatte, kam ihr das nunmehr nur noch schwache Wimmern des Kindes zum Bewusstsein. Sie erschrak –allein es war zu spät! In ihren Armen das Kind war - [ hier folgt ein Passus der Schwester, worauf H. abschließend noch hinzufügt]
Sie hat eben keinen Sinn für meine feurige Phantasie!
Dein Otto Erich.

Otto Erich Hartleben Briefe zweiter Band
1912 S. Fischer, Verlag Berlin
 

 

 

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DER LETZTE GRUß

Der Erste der Modernen, der dahinging!
Der erste aus dem reichen Jahre 1864!
Mitten im schönsten Vorfrühling mitten in neuem Jung -Werdewollen und frisch auftreibendem Leben!

Fahr wohl! Fahr wohl!

Du warst ein guter Freund alle Zeit auch hinter dem Rücken und ein besserer Mensch im Grunde, als Du Dich selbst zu geben liebtest!
Das Herz voller Sehnsucht nach Schönheit und Heiterkeit, das alte Danaer –Erbe des Künstlers!
Freude und zugleich Leid!
Dein Leid freilich behieltest du für Dich! Du lachtest lieber!
Und es war immer ein fröhliches Lachen!


Wer jedoch feiner zu fühlen verstand, erkannte wohl den Ernst, den es verdecken sollte. Sie feiern Dich als Epikuräer, als Lebensgeniesser und als großen Trinker, der nebenbei auch Dichter war, und Dein Trinken war Dir längst, ach längst schon so zuwider innerlich, wie die ganzen Biertische, die Du in überschäumender Mitternachtsstimmung gegründet, denen Du aber den Rücken drehtest, Halkyonier zu werden und die Schönheit zu leben, sobald Du erreicht zu haben glaubtest, was Du erreichen würdest!
Du warst in Wirklichkeit ja nie der „ weise Geniesser“ nie der große Lebenskünstler, nie die blosse Freudenpflücker, der Du überall genannt wirst….
Dein Herz war viel zu heiss dazu und viel zu töricht!


Du erkanntes freilich frühe schon und nun zu gut, das man sein Innerstes nie so zeigen darf, wie es ist, wenn man sich nicht lächerlich machen will an den kleinen und großen Stammtischen des Lebens! Das man seine Empfindungen am besten in Witze maskiert oder karikiert, wenn man sie zu Geltung bringen will.
Und darum lachtest Du und darum warst Du, wie Du warst!

Dein Lachen war Deine Waffe gege die Kleinigkeit und Philistrosität der Welt, die Mauer, die Du um Dich aufbautest. Dein Herz zu schützen, das die Dinge so schwer und ernst nahm und nicht der Mut, die Faust zu zeigen aus Furcht, verlacht zu werden!
Und dabei war dieses weiche empfindsame Gemüt, das Du so gut verbargst, Dein Bestes und die tiefste Quelle Deiner ganzen Kunst!

Die halkyonischen Tage, die Du Dir zum Ziel gesetzt, waren Dir nur kurze Zeit beschieden.


Fahr wohl!

CÄSAR FLAISCHLEN

 

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Otto Erich Hartleben Briefe zweiter Band 1912 S. Fischer Verlag Berlin

□ Die Abschiedsworte Cäsar Flaischlens  werden als Jahresgabe für 1906 vom Kuratorium in 50 Exemplaren für die Mitglieder der Akademie herausgegeben.