ERSTER UND LETZTER BRIEF BERÜHMTER MENSCHEN

 

Briefe berühmter Menschen

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.

Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu
entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die
Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 



HEINRICH HEINE

1799 - 1856



Heinrich Heine war von Haus für den kaufmännischen Beruf bestimmt, zeigte aber, zuerst als Kaufmannslehrling in Frankfurt a. M., weder Lust
noch Begabung für diesen Stand. Auch in Hamburg, wo man ihn hierauf in das Geschäft seines Oheims steckte, erfüllte er nicht die geringste Hoffnung in dieser Hinsicht, und selbst in einem eigenen Geschäfte erlitt er Schiffbruch. Sein ganzes Interesse gilt dagegen der Tochter seines Oheims, Molly, und der Muse der lyrischen Dichtkunst. Beide hängen zusammen oder sind vielmehr eins und dasselbe. Er liebte Molly unglücklich; sie machte sich nicht einmal etwas aus seinen Versen – trotzdem oder deshalb blieb sie die Muse seines Dichtens auf Jahre hin. Endlich , nachdem sie die Seinen überzeugt hatten, daß so nichts aus ihm würde, willigten sie ein, daß Heine studierte. Er ging zunächst nach Bonn zum Studium der Rechte. - Aus seiner Hamburger Zeit bringen wir einen Brief des achtzehnjährigen an seinen Schulfreund Christian Sethe.
 

Hamburg, den 6. Juli 1816

( Ich weiß nicht, hast Du lieber Hochgeborenen oder wohlgeboren? kannst Du’s daher selbst beim Namen schreiben.)
Ja! Ich will jetzt an meinem freunde Christian schreiben. Zwar ist es nicht die dazu am besten geeignete Stunde. Wunderseltsam ist mir zumute und bin gar zu herzbewegt, und habe mich wohl in acht zu nehmen, daß kein leises Wörtlein entschlüpft, das mir den inneren Gemütszustand verraten kann.
Ich sehe schon wie zwei große wohlbekannte blaue Augen mich anstarren würden; die habe ich zwar sehr lieb, sind aber glaub ich nur zu kalt. - - -


Ich habe mich wieder hingesetzt Dir zu schreiben und habe alles aus dem Herzen rauschen gelassen, was die immer spanische Dörfer bleiben.
Ich habe Dich ein bisschen sehr lieb. Wie geht’s Dir Alter? Erfreut mich gar herrlich und königlich, wenn Du mir brav schreibst. Tue es. Aber viel beten kann ich selbst zu unserm Lieben Herrgott nicht. - Mir geht es gut. Bin mein eigener Herr, und steh so ganz für mich allein, und steh so stolz und fest und hoch, und schau die Menschen tief unter mir so klein, so zwergenklein; und habe meine Freude dran.
Christian, Du kennst ja eben den eitlen Prahlhans? Doch

Wenn die Stunde kommt, wo das Herz mir schwillt,
Und blühender Zauber dem Busen entquillt,
Dann greif ich zum Griffel rasch und wild,
Und male mit Worten das Zaubergebild. –

- Aber auch verwünschte Prahlerei, es schient, als sei mir die Muse untreu geworden, und habe mich allein nach Norden ziehen lassen, und sei zurückgeblieben. Ist auch ein Weib. Oder fürchtet sie sich vor die furchtbaren Handelsanstalten, die ich mache?
Wahr ist es, es ist ein verludertes Kaufmannsnest hier. Huren genug, aber keine Musen. Mancher deutsche Sänger hat sich hier schon die Schwindsucht am Halse gesungen.
Muß Dir was erzählen:


Als ich ging nach Ottensen hin,
Auf Klopstocks Grab gewesen ich bin.
Viel Schmucke und stattliche Menschen dort standen,
Und den Leichenstein mit Blumen umwanden,
Die lächelten sich einander an
Und glaubten wunders was sie getan. –
Ich aber stand bei heiligen Ort,
Und stand so still und sprach kein Wort,
Meine Seele war so unten tief
Wo der heilige deutsche Sänger schlief.- - - -


Nun? Sieht! Auf Klopstocks Grab verstummt meine Muse. Nur erbärmlich mit miserable kann ich noch zusammen reisen. Hauptsächlich, liebe Christian, muß ich Dich bitten, Dich des armen Levis anzunehmen. Es ist die Stimme der Menschlichkeit, die Du hörst. Ich beschwöre Dich bei allem, was Dir heilig ist, hilf ihm. Er ist in der größten Not. Mein Herz blutet. Ich kann nicht viel sprechen; die Worte brennen mir in den Adern.
Ich wasche meine Hände in Unschuld, Du hast alles auf Deine Seele. - - - -
Meine Adresse ist Harry Heine bei Witwe Robbertus auf die Große Bleiche in Hamburg Nr. 307.
Freu Dich, Freu Dich in 4 Wochen sehe ich Molly. Mit ihr kehrt auch meine Muse zurück. Seit 2 Tagen hab ich sie nicht gesehen. Altes Herz, was freust du dich und schlägst so laut! –
Leb wohl, lieber Christian, denke mein.
Dein Freund
Harry Heine
 

 

 


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aus; Jugendbriefe berühmter Männer/ Verlag " Die Buchgemeinde Berlin 1924
Ausgewählt  und eingeleitet von dr. Joh. Rohrn

 


 

Sie pflegte ihn, den halbgelähmten und schon bald halbblinden Dichter in seiner Matratzengruft, wie er selbst es benannt hat. Sie lenkte ihn vom Sterben ab. Lange wußte man nicht, wer diese junge Frau war. Fast zweihundert Mal besuchte sie ihn, hat ihm vorgelesen, sich von ihm diktieren lassen oder ihm nur einfach die Hand gehalten. Sie ist plötzlich krank geworden und blieb aus. Als sie wiederkam, war er tot. Erst 30 Jahre später gab sie sich als Ilse von Krinitz zu erkennen. Sie war eine erfolgsreiche Schriftstellerin und Übersetzerin der Wahlverwandtschaften ins Französische.

Acht Jahre vor seinem Tode geschah Heines letzter Ausgang: jener Besuch im Louvre, da er vor der Statue der Venus von Milo ohnmächtig zusammenbrach. Es schmerzt, die letzten Kapitel dieses Lebens zu lesen. Ich lasse dahingestellt, schreibt er im April 1849, ob man meine Krankheit bei dem rechten Namen genannt hat, ob sie eine Familienkrankheit ( eine Krankheit, die man der Familie verdankt) oder eine jener Privatkrankheiten ist, woran der Deutsche, der im Auslande privatisiert, zu leiden pflegt, ob so ein französisches ramollissement de la moëlle e֙pinére oder eine deutsche Rückgradschwindsucht. Am 14. Februar 1856 besucht ihn die Mouche, jenes seltsame Mädchen, das seine letzten Tage mit einem schönem Licht erfüllt. beim Abschied ruft er ihr nach: " Sie wurde krank. Ist ausgeblieben!
Als sie wiederkam, war der Dichter tod.

Paris, den 11. Februar 1856

I

Liebes Kind!

Ich habe einen Anfall von Migräne, der, wie ich fürchte, noch bis morgen anhalten oder noch schlimmer werden wird. Ich schreibe Dir eiligst, um Dich wissen zu lassen, daß morgen keine Schule ist, und daß Du folglich über Deinen Nachmittag ganz nach Belieben verfügen kannst. Ich rechne aber auf Dich übermorgen, Sonntag. Solltest Du nicht kommen können, so laß mich's wissen, liebstes, süßes Kind.

Ich werde Dich niemals prügeln, selbst wenn Du eine solche Strafe durch allzugroße Dummheit verdienen solltest. Um die Rute zu schwingen, bedarf es vor allem einer größeren Kraft, als ich sie besitze. ich bin niedergedrückt, leidend und traurig.

Küsse die pattes mouche.

Dein Freund

Heinrich Heine

II

An die Mouche
Paris, 14. Februar 1856

Liebste!

Komme heute (Donnerstag) nicht. Ich habe die entsetzlichste Migraine. Komm morgen (Freitag)

Dein leidender H. H.


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Der letzte Brief Ilse Linden  / eine Sammlung letzter Briefe Verlag; Oesterheld & Co Verlag berlin