Der letzte Brief

 

Briefe berühmter Menschen

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.

Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu
entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die
Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 



 

 

 


Hesse Helmut

1916 - 1943
 


Pastor


Am 14. Oktober 1935 reichte der junge Helmut Hesse, geboren am 11. Mai 1916 in Bremen, der SA-Führung ein Entlassungsgesuch ein, das sich auf das Gebot „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben" berief. Mit unzweideutigem Hinweis auf Hitler heißt es da: „Jeder Anspruch, der diese Grenzen (der von Gott verordneten Obrigkeit) nicht anerkennt, ist Götzendienst.
Wer sich zum Herrn über Glauben und Gewissen aufwirft, handelt wider die christlichen Bekenntnisse und ist antichristlich." Der Schreiber dieses mutigen Briefes, zum Pastor ordiniert, schloß sich wie sein Vater, Pastor Hermann Hesse, der Bekenntniskirche an und diente dem Worte Gottes in furchtlosem Widerspruch, zu der ungöttlichen nationalsozialistischen Umwelt.
Vater und Sohn wurden am 8. Juni 1943 verhaftet und am 12. November nach Dachau übergeführt. „Was wird, dürfen wir dem getrost überlassen, der uns bis heute jeden Tag bewiesen hat seine väterliche Güte und göttliche Allmacht.
Er sei geloht allein!" notierte Helmut Hesse auf einem aus Dachau gesandten Zettel. In der Nacht vom 23. zum 24. November erlag er den Härten der Lagerhaft.
Sein Dienst am Wort, für den er sein Leben opferte, sei durch einen Abschnitt aus seiner am 1. Sonntag nach Trinitas gehaltenen Predigt veranschaulicht.


Text Jona I

... Mache dich auf und gehe in die große Stadt Ninive und predige wider sie. Denn ihre Bosheit ist heraufgekommen vor mich! Da liegt fern am Tigris in Mesopotamien das Herz des assyrischen Weltreiches, die große Ninive: der Staat, der bereits drei Weltstädte eingemeindet hat, Kalah, Resen und Rehoboth - Ir.

Schon das erste Buch Moses berichtet uns von dem großen Städtebauer Nimrod, der um Groß-Ninive undurchdringliche Wälle gezogen hat, deren Reste noch heute wie Gebirge in der Ebene liegen: das war Groß-Ninive, „Groß" nennen wir Menschen die Mächtigen auf der Erde und 1. Mose 10 nannte den Erbauer dieser ersten Weltstadt „groß", weil er von unerreichter politischer Bedeutung war.

Aber was heißt es, daß Gott im Jonabüchlein nun auch Ninive zweimal die „große Stadt" nennt? Groß heißt Ninive hier doch nicht, weil ihr Umfang über 120 Kilometer beträgt, sondern weil aus aller ihrer Weltmacht nur Hochmut und große Bosheit gekommen ist. Um ihrer Sünde willen nennt Gott Ninive groß, Andererseits spricht er am Ende des Jonabüchleins von dieser großen Stadt, weil sich an ihr seine Gnade noch viel großer und mächtiger erweisen soll.

Aber hier heißt es nun: predige wider siel Es lohnt sich, wider sie zu predigen, da ihre Sünde groß ist; es lohnt sich beinahe so, wie die Predigt wider das halsstarrige Israel, wider die Gemeinde Gottes, deren Sünde noch viel größer ist. Predige wider sie! Was steckt nicht alles in dem hebräischen Wörtchen „aläha"? Das heißt nicht nur: predige darinnen, sondern laß das Wort des Herrn über sie kommen, belagere, blockiere Groß-Ninive. Womit?

Armer, kleiner Jude Jona! Wahrlich, womit willst du Groß-Ninive belagern? Mit Waffen, mit Geld, mit deinem Mund? Dann gehe lieber wieder beim nach Gath-Hepher in deine Kelterstadt und presse Weintrauben. Aber Jona bekommt eine Waffe gegen Groß-Ninive, davor alle Heere der Welt zusammenbrechen: das Wort Ja, kleiner Jona aus der Kelterstadl, nun sollst du der großen Ninive das Gericht des Herrn predigen; des Herrn, der der Keltertreter heißt, der die Völker keltert in seinem Zorn und sie zertritt mit seinem Grimm, denn er hat einen Tag der Rache sich vorgenommen — das Jahr, die Seinen zu erlösen, ist gekommen.

Und du, Gemeinde Christi, meinst du nun, dieses Reden der Kirche zur Weltmacht sei eine einmalige Angelegenheit des Alten Testamentes und ginge dich weiter nichts an? Hast du denn die Predigt Johannes des Täufers wider die Sünde seiner Obrigkeit und den Bußruf des Paulus an Felix vergessen?
— Ja, fragst du, aber Christus selber stimmt doch nicht ein in diese Predigt wider Groß-Ninive?
Allerdings schweigt Christus vor Herodes und Pilatus, aber sind nicht beide durch das Schweigen des fleischgewordenen Wortes gerichtet?

Die Herrscher dieser Welt wünschen ja gerade, daß das Wort Gottes zu ihnen und für sie spricht.
Sie haben ja nichts lieber, als daß die Kirche ihnen die Schleppe trägt und all ihr Handeln als gottgewollt bezeichnet.

Darum schweigt Christus, — aber er wird einmal reden an dem Tage, an dem er alle Großen und Kleinen der Erde richtet. Aber hast du deswegen ein Recht solange auch zu schweigen? Ist es nicht auch heute Sache der Kirche Christi, die Sünden Groß-Ninives Sünden zu nennen? Kennst du nicht das 11. Kap. der Offenbarung, daß sich Christus auch am Ende der Tage noch Zeugen erwählt wider die Sünde Groß-Ninives?
Darum bitte Gott, daß dich nicht Angst und Menschenfurcht zum stummen Hunde machen, wo dir die Sünde Groß-Ninives begegnet.

Und wir wollen danken für jedes geschenkte, offene Bekenntnis. Predige auch du wider Groß-Ninive zum Zeugnis über sie. Oder willst du dich durch stillschweigendes Zusehen beteiligen an dem Mißbrauch, den man mit dem Namen des „Allmächtigen" treibt, an Gotteslästerung und Sabbatschändung, an dem Mord wehrloser Geschöpfe des lebendigen Gottes? Siehst du nicht, wie alle Gebote Gottes verlacht werden? Predige wider Ninive: „Siehe, ich will an dich, spricht der Herr Zehaoth, und deine Wagen im Rauch anzünden und das Schwert soll deine jungen Löwen fressen und will deines Raubens ein Ende machen auf Erden, daß man deiner Boten Stimme nicht mehr hören soll."
 

 

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Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider