ERSTER UND LETZTER  BRIEF BERÜHMTER MENSCHEN

 

Briefe berühmter Menschen

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.

Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu
entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die
Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 




FRIEDRICH HÖLDERLIN

1770 - 1843



 

 

ERSTER  UND ZWEITER BRIEF

 

Kurz vor Weihnachten 1785 Maulbronn

Liebste Mamma!
Wann dißmal mein Brief etwas verworrener ist als sonst, so müssen Sie eben denken, mein Kopf sei auch von Weihnachtsgeschäfften eingenommen, wie der Ihrige- doch differiren sie ein wenig: meine sind, ohne das heutige Laxier, Plane auf die Rede, die ich an Johannistage bei Vesper halte, tausend Entwürfe zu Gedichten, die ich in denen Cessationen ( vier Wochen, wo man bloß für sich schafft) machen will,, und machen muß, ( NB. Auch lateinische) ganze Paquete von briefen, die ich, ob schon das N. Jahr wenig dazu beiträgt, schreiben muß, z. E. Hrn. Helffer, Hrn. Klemm, Hrn. Bilsinger, nach Altona, und was die Sachen als sind, und die Ihrige sind, was sie eben sind.Was die Besuche in den Weihnachten betrifft, so bin ich eher so frei, Sie hierher einzuladen, weil mich das Geschäft am Johannistage, wie gesagt, nicht leicht abkommen lässt. Die 1. Geschwisterige werden sich wieder recht freuen; aber, im Vertrauen gesagt, mir ists halb und halb bange, wie sie von mir beschenkt werden sollen.
Ich überlasse es Ihnen, liebste Mamma, wanns ja so ein wenig unter uns beim alten bleiben soll, so ziehen Sies mir ab, und schenkens ihnen in meinem Nahmen. Der 1. Frau Grosmamma mein Compliment, und ich wolle ihr auch Weihnachts Geschenk machen - -ich wolle dem 1. Gott mit rechter Christtags – Freude danken, daß er Sie mir auch dieses beynahe vollendte Jahr wieder so gesund erhalten habe. Onerachtet meines Laxiers bin ich doch im übrigen recht wohl. Bei mir ists zwar nicht zu spät, wie bei Ihnen, doch weiß ich eben nichts mehr zu schreiben, als da ßich bin meiner liebsten Mamma
Gehorsamster Sohn
Hölderlin.

Hier schicke ich etwas, die Weihnachtsgeschäfte zu zerstreuen: wenn Sies ja nicht selbst lesen wollen, so lassen Sie sich’s nur wenigstens von dem 1. Geschwister vorlesen, es wird Ihnen recht wohl gefallen. Schiken Sies nur, so bald als möglich zurück. Die andern Theile sollen auch folgen. Auch die Bouteille bitte ich mir zu schiken, sie war entlehnt. Hr. Harpprecht von nellingen hat mich gestern besucht und mich um den 4ten Theil vom Brittischen Museo gebeten.
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AN IMMANUEL NAST

 

Anfangs Januar 1787

Bester!

Ich schied ganz ruhig von Dir – es war mir so wohl bei den wehmütigen Empfindungen des Abschieds – und noch, wann ich zurückdenke, wie wir so in den ersten Augenblicken Freunde waren – wie wir so traulich, so vergnügt mit einander lebten, so bin ich zufrieden – daß ich Dich nur diese etliche Tage hatte; - O mein Theurer, es waren Zeiten, ich hätte um einen Freund, wie Du, einen Finger hingegeben, und wann auch mein Erinnern an ihn sich bis aufs Kap hätte erstreken müssen. – ich habe Dir, glaub ich, schon einmal davon vorgeschwatz –das Ding ärgert mich, daß mir meine alte trübe Stündchen so oft in Kopf kommen – und freue Dich nur, wann ich Dir nicht oft schreiben sollte. Du würdest mir vielleicht manche Klage entwischen sehen, so sehr ich’s vermeide.
Und es ist doch uns Menschen so gut, wenn was zu leiden giebt. – ich war schon manchmal in meinem Leben ein Thor, aber nie weniger, als wenn mir meines Herzens Wünsche nicht erfüllt wurden – wann ich unverdiensterweise böse Gesichter sehen musste-
Aber da kann ich jetzt in allem Ernst sagen – verzeih, ich bin Dir beschwerlich gewesen! –Da war wieder einmal ein unartiges Gesudel! Nicht wahr, Lieber? Ich wünsche, ich könnte Dir die Musik über Brutus und Cäsar jetzt schiken, aber wenn man was von Stutgarder Hrn. Academiciens will, geht’s gar mit Schnekeneil, so gut auch immer ihr Wille ist.
Zu Schillers Ehre will ich’s auch auf dem Clavier lernen, so hart es gehen wird mit meinem Geklemper.

 Ach ! wie manchmal hab ich ihm schon in Gedanken die Hand gedrükt, wenn er so seine Amalia von ihrem Carl schwärmen lässt - !

Du wirst denken, ich sei ein Narr; aber ich weiß nicht,, machts Eigenliebe oder --- oder – mir ists wohl bei dergleichen Gedanken. Jetzt gute Nacht, lieber Bruder! Noch eins! Hesler lässt sich Dir empfehlen. Du würdest noch manches Complimentchen bekommen, wenn ich ausruffe ließ –
Heut schreib ich meinem Nast – Ihr Leute.
Lebe jetzt wohl.
Liebe Deinen
Hölderlin
 

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Friedrich Hölderlins Sämtliche Werke und Briefe in fünf Bänden / Kritisch -historische Ausgabe von Franz Zinkernagel
Im Insel -Verlag zu Leipzig 1921

 

 

 

LETZTER BRIEF

Hölderlin ist bekannt durch Hyperion - Briefe an Diotima. Die Liebe zu seiner Hausherrin Suzette Gontard ermöglichte im den einzigen Roman Hyperion, das Bekenntnis einer überspannten Seele. Nach ihrem Tod brach Hölderlin psychisch zusammen, lebte noch bei seinem Freund, bis sich die Psychose so verstärkte, dass er zunächst in eine Klinik kam, mit der Prognose eine kurze Überlebungszeit zu haben. Dort lebte er noch sechsunddreißig Jahre lang in einem Turm. Seine letzte bekannte schriftliche Mitteilung ist solch ein Eintrag.



Für einen Unbekannten

(Tübingen, 1840)
Von der Realität des Lebens.
Wenn die Menschen das bemerken, daß Kentnisse im Leben sind, die den Menschen interessiren, so kann man davon sprechen, daß ein Zwek im Leben, und daß die Nützlichkeit im Leben nicht ohne Interesse wäre. Die höchsten Behauptungen des Menschen sind nicht ohne solche Allgemeinheit. Das Innere des Menschen ist von mehreren Bestimmungen; diese Art von Behauptenheiten ist davon nicht ausgeschlossen. Die Menschen sind in solchen Rüksichten höhere Menschen, die in der menschlichen Gesellschaft existiren.

d. 25 Januar 1729.
Dero unterthänigster Buarotti.

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27. Mai. Freundschaft. Wenn Menschen sich... Unten Vermerk des Oberbibliothekars Robert von Mohl: Vorstehendes Gedicht ist von dem, wahnsinnigen Dichter Hölderlin am 27ten Mai 1843 aus dem Stegreife niedergeschrieben worden.
Die Unterschrift die des von ihm in seiner Geisteskrankheit angenommenen Namens; Tübingen, 30. Mai 1843.




Freundschafft

Wenn Menschen sich aus innrem Werthe kennen,
So können sie sich freudig Freunde nennen,
Das Leben ist den Menschen so bekannter,
Sie finden es im Geist interessanter.

Der hohe Geist ist nicht der Freundschafft ferne,
Die Menschen sind den Harmonien gerne
Und der Vertrautheit hold, daß sie der Bildung leben,
Auch dieses ist der Menschheit so gegeben.


d. 20 Mai 1758.
Mit Unterthänigkeit

Scardanelli.

II


Anfang Juni. Der Frühling. Die Sonne kehrt... und Die Aussicht. Wenn in die Ferne geht...

Auf Die Aussicht der Vermerk Fritz Breunlins In Tübingen von Hölderlin in seinen letzten Lebenstagen geschrieben. Letztmals die Tag- und Jahreszeiten als sicheres Zeichen der Erneuerung. Und unversehens das Wort Neue Welt, über Chor am Schluß des Empedokles-Entwurfs. Dazu, wie geheime Fermaten, die ein wärtsgebogenen Formen ...erscheint sich... und sich erglänzt... die Erfindung dieses letzten Gedichtpaars sind.
 


Der Frühling

Die Sonne kehrt zu neuen Freuden wieder,
Der Tag erscheint mit Stralen, wie die Bliithe,
Die Zierde der Natur erscheint sich dem Gemüthe,
Als wie entstanden sind Gesang und Lieder.


Die neue Welt ist aus der Thale Grunde.
Und heiter ist des Frühlings Morgenstunde,
Aus Höhen glänzt der Tag, des Abends Leben
Ist der Betrachtung auch des innern Sinns gegeben.

d. 20 Jan. 1758
mit Unterthänigkeit


Scardanelli.

Die Aussicht


Wenn in die Ferne geht der Menschen wohnend Leben,
Wo in die Ferne sich erglänzt die Zeit der Reben,
Ist auch dabei des Sommers leer Gefilde,
Der Wald erscheint mit seinem dunklen Bilde,


Daß die Natur ergänzt das Bild der Zeiten,
Daß die verweilt, sie schnell vorübergleiten,
Ist aus Vollkommenheit, des Himmels Höhe glänzet
Den Menschen dann, wie Bäume Blüth' umkränzet.


24 Mai 1748
Mit Unterthänigkeit


Scardanelli


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Friedrich Hölderlin Sämtliche Werke Briefe und Dokumente in zeitlicher Folge
Band XII 1806 - 1843 Homburg Tübingen In lieblicher Bläue... Hyperion III Turmgedichte
Literaturverlag Leuchterhand 2004