Der letzte Brief

 

Briefe berühmter Menschen

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.

Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu
entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die
Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 


 

 


JAHN LILLI

1900 - 19. Juni1944

 


21. März 1944

Wir sitzen nun schon seit 3 Uhr hier in Dresden am Bahnhof und hören eben, dass der Zug erst um 10 Uhr heute Abend weitergeht. Morgen Abend werden wir dann in Auschwitz sein. Die Mitteilungen darüber, wie es dort sein soll, sind sehr widersprechend. Es kann sein, dass ich erst nach vier oder sogar nach acht Wochen schreiben darf, seid also bitte nicht in Sorge, wenn Ihr jetzt länger nichts hören solltet. Und wenn es gar so lange dauert, dann versucht doch, mir zuerst zu schreiben, vielleicht bekomme ich's doch. Wir müssen nun abwarten, wie alles wird. Ich werde weiter tapfer sein und fest die Zähne zusammenbeißen und an Euch denken und durchhalten, wenn's auch noch so schwer sein wird. [...] Tante Rita klagte mir auch, dass sie es so schwer habe mit Euch. Um Eures Vati willen seid lieb und folgsam, es geht dann alles leichter. In den letzten Tagen habe ich die Familien beneidet, die alle zusammen damals fortgebracht wurden. Aber wenn ich's recht bedenke, ist es mir trotz aller tiefen Sehnsucht und allem Trennungsschmerz leichter, Euch in geregelten Verhältnissen zu wissen und

Euch verschont zu sehen von all dem Widerwärtigen und Hässlichen. Ich habe nur den einzigen heißen Wunsch, Euch alle gesund wiederzusehen. Nochmals liebe Grüße, und bestellt ihm Folgendes: Er selbst und niemand anderes soll nochmals alles versuchen, und wenn er sich bis an die höchsten Stellen nach Berlin wendet. [...] Er soll verlangen, dass ich freikomme, zumal er doch auch Wehrmachtsangehöriger ist. [...] Und nun lebt alle miteinander nochmals wohl - Gerhard-Junge, Ilsemaus, Hannelekind, Evalein und mein Dorle-Schatz! Gott behüte Euch! Wir bleiben unlöslich miteinander verbunden.


Seid herzinniglich gegrüßt und geküsst von Eurer treuen Mutti

 

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Mit gefesselten Händen Kurzporträts und Briefe von Verfolgten des NS -Regimes Verlag Neue Stadt München 2017