Literarische Briefe

 

 Der letzte Brief berühmter Menschen

 

 

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HEINRICH VON KLEIST

18. Oktober 1777 - 21. November 1811

 

Es war ihm unmöglich länger zu leben.

...." meine Seele ist so wund, dass mir, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut....."
Sein Selbstwertgefühl hatte ihn so reizbar gemacht. Es schmerzte ihn, als " ein ganz nichtsnutziges Glied der menschlichen Gesellschaft betrachtet zu werden."
Sein Lebensekel wurde bestärkt durch die preußische Allianz mit Napoleon, die ihm eine Rückkehr in den Militärdienst unmöglich machte
n. In der unheilbar kranken Henriette Vogel fand er einen Menschen, der bereit war, mit ihm zusammen zu sterben. Sie verbrachten eine Nacht in Stimmings Gasthof am Wannsee; am folgenden Mittag verließen sie das Haus. Man fand beide wenig später erschossen am Ufer.

 

An Frau v. Müller

Der Himmel weiß, meine liebe, treffliche Freundin, was für sonderbare Gefühle, halb wehmütig, halb ausgelassen uns bewegen, in dieser Stunde da unsere Seelen sich, wie zwei fröhliche Luftschiffer, über die Welt erheben, noch einmal an Sie zu schreiben. Wir waren doch sonst, müssen Sie wissen, wohl entschlossen, bei unseren Bekannten und Freunden keine Karten p.p.c. abzugeben. Der Grund ist wohl, weil wir in tausend glücklichen Augenblicken an Sie gedacht, weil wir uns tausendmal vorgestellt haben, wie Sie in Ihrer Gutmütigkeit aufgelacht (aufgejauchzt) haben würden, wenn Sie uns in der grünen oder rothen Stube beisammen gesehen hätten. Ja, die Welt ist eine wunderliche Einrichtung! - - Es hat seine Richtigkeit, daß wir uns, Jettchen und ich, wie zwei trübsinnige trübselige Menschen, die sich immer ihrer Kälte wegen angeklagt haben, von ganzen Herzen lieb gewonnen haben, und der beste Beweis davon ist wohl, daß wir jetzt miteinander sterben. Leben Sie wohl, unsere liebe, liebe Freundin und seien Sie auf Erden, wie es gar wohl möglich ist, recht glücklich! Wir unserseits wollen nichts von den Freuden dieser Welt wissen und träumen lauter himmlische Fluren und Sonnen, in deren Schimmer wir, mit langen Flügeln an den Schultern, umherwandeln werden. Adieu! Einen Kuß von mir, dem Schreiber, an Müller; er soll zuweilen meiner gedenken, und ein rüstiger Streiter Gottes gegen den Teufel Aberwitz bleiben, der die Welt in Banden hält. —

(Nachschrift Henriettes)
Doch wie dies alles zugegangen
Erzähl' ich euch zu andrer Zeit
Dazu bin ich zu eilig heut.  

Lebt wohl denn! Ihr meine lieben Freunde, und erinnert euch in Freud' und Leid der zwei wunderlichen Menschen, die bald ihre große Entdeckungsreise antreten werden.

Henriette.

(Kleists Hand)

Gegeben in der grünen Stube den 21. November 1811.

H. v. Kleist.

An Ulrike von Kleist

Ich kann nicht sterben, ohne mich, zufrieden und heiter, wie ich bin, mit der ganzen Welt, und somit auch, vor allen Anderen, meine theuerste Ulrike, mir dir versöhnt zu haben. Laß sie mich, die strenge Äußerung, die in dem Briefe an die Kleisten enthalten ist, laß sie mich zurücknehmen; wirklich, du hast an mir gethan, ich sage nicht, was in Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand, um mich zu retten: die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war. Und nun lebe wohl; möge dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit, dem meinigen gleich: das ist der herzlichste und innigste Wunsch, den ich für dich aufzubringen weiß.

Stimmings bei Potsdam

- am Morgen meines Todes.

Dein Heinrich.

HENRIETTE VOGEL

An Ernst Friedrich von Peguilhen

Mein sehr werter Freund! Ihrer Freundschaft, die Sie für mich bis dahin immer so treu bewiesen, ist es vorbehalten, eine wunderbare Probe zu bestehen, denn wir beide, nehmlich der bekannte Kleist und ich befinden uns hier bei Stimmings auf dem Wege nach Potsdamm, in einem sehr unbeholfenen Zustande, indem wir erschossen da liegen, und nun der Güte eines wohlwollenden Freundes entgegen sehn, um unsre gebrechliche Hülle, der sichern Burg der Erde zu übergeben. Suchen Sie liebster Peguilhen diesen Abend hier einzutreffen und alles so zu veranstalten, daß mein guter Vogel möglichst wenig dadurch erschreckt wird, diesen Abend oder Nacht wollte Louis seinen Wagen nach Potsdamm (schikken), um mich von dort, wo ich vorgab hinzureisen, abholen zu lassen, dies mögte ich Ihnen zur Nachricht sagen, damit Sie die beßten Maasregeln darnach treffen können. Grüßen Sie Ihre von mir herzlich geliebte Frau und Tochter viel tausendmal, und sein Sie theurer Freund ueberzeugt daß Ihre und Ihrer Angehörigen Liebe und Freundschaft mir noch im letzten Augenblick meines Lebens die größte Freude macht.

Ihre A. Vogel.

 

Ein kleines versiegeltes schwarzes ledernes Felleisen, und einen versiegelten Kasten worinn noch Nachrichten für Vogel Briefe, Geld Kleidungsstücke auch Bücher vorhanden, werden Sie bei Stimmings finden. Für die darin befindlichen 10 Thlr Courant wünschte ich eine recht schöne blaßgraue Tasse innwendig vergoldet, mit einer goldnen Arabeske auf weißem Grunde zum Rand, und am Oberkopf im weißen Felde meinen Vornamen, die Façon wie sie jetzt am modernsten ist. Wenn Sie sich dieser Commission halber am Buchhalter Meves auf der Porzellan Fabrick wendeten, mit dem Bedeuten diese Tasse am Weihnachts-Heiligabend Louis eingepackt zuzuschicken, doch würden Sie mein lieber Freund mit der Bestellung eilen müssen, weil sie sonst nicht fertig werden mögte. Leben Sie wohl und glücklich. -
Einen kleinen Schlüssel werden Sie noch eingesiegelt im Kasten finden, er gehört zum Vorhängeschloß des einen Koffers zu Hause bei Vogel, worin noch mehrere Briefe und andre Sachen zum besorgen liegen.


(Kleists Hand)

Ich kann wohl Ihre Freundschaft auch, mein liebster Peguilhin, für einige kleine Gefälligkeiten in Anspruch nehmen. Ich habe nämlich vergessen, meinen Barbier für den laufenden Monat zu bezahlen, und bitte, ihm 1 Thlr a 1/3 C zu geben, die Sie eingewickelt in dem Kasten der Mad. Vogel finden werden. Die Vögeln sagt mir eben, daß SIE den Kasten aufbrechen und alle Commissionen die sich darin befinden besorgen mögten: damit Vogel nicht gleich damit behelligt würde - Endlich bitte ich noch, das ganze, kleine, schwarzlederne Felleisen, das mir gehört, mit Ausnahme der Sachen, die etwa zu meiner Bestattung gebraucht werden mögten, meinem Wirth, dem Quartiermeister Müller, Mauerstraße N. 53. als einen kleinen Dank für seine gute Aufnahme und Bewirthung zu schenken. - Leben Sie recht wohl, mein liebster Peguilhin; meinen Abschiedsgruß und Empfehlung an Ihre vortreffliche Frau und Tochter.

H. v. Kleist

man sagt hier den 21 t Nov.; wir wissen aber nicht ob es wahr ist.

N. S. In dem Koffer der Mad. Vogel, der in Berlin in ihrem Hause in der Gesindestube mit messingnem Vorlegeschloß steht, und wozu der kleine versiegelte Schlüssel, der hier im Kasten liegt, paßt - in diesem Koffer befinden sich drei Briefe von mir, die ich Sie noch herzlichst zu besorgen bitte. Nämlich:

1. Einen Brief an die Hofräthin in Wien.
2.
Einen Brief an meinen Bruder Leopold nach Stolpe, welche beide mit der Post zu besorgen sind (der erstere kann vielleicht durch den guten Brillen Voß spedirt werden); und

3. Einen Brief, an Fr. v. Kleist, geb. v. Gualtieri, welchen
ich dem Major v. Below, Gouverneur des Prinzen Friedrich von Hessen, auf dem Schlosse, abzugeben bitte.
Endlich liegt

4. noch ein Brief noch ein Brief an Frau v. Kleist in den hiesigen Kasten  der Mad. Vogel, welchen ich gleichfalls und zu gleicher Zeit, an den Major v. Below, abzugeben bitte. -
Adieu!

N. S.

Kommen Sie recht bald zu Stimmings hinaus, mein liebster Peguilhin, damit Sie uns bestatten können. Die Kosten, was mich betrifft, werden Ihnen von Frankfurt aus, von meiner Schwester Ulrike wieder erstattet werden. - Die Vögeln bemerkt noch, daß zu dem Koffer mit dem messingnem Vorhängeschloß, der in Berlin, in ihrer Gesindestube steht, und worin viele Commissionen sind, der Schlüssel hier versiegelt in dem hölzernen Kasten liegt. - Ich glaube ich habe dies schon einmal geschrieben, aber die Vogel besteht darauf, daß ich es noch einmal schreibe.

H. v. Kl.


 

 



 

 

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Dies sind nun also  die letzten Zeilen Werner Fuld Krüger Verlag Erschienen im Krüger Verlag, einem Unternehmen des S. Fischer Verlag GmbH 2007
 

Ein Sohn

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