BRIEFE

 

 

E

Epistel of St Paul with Gloss
c.1150/Oxford

 

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

Büchner Georg


1813 - 1837


 




Büchner studierte Medizin an der Straßburger Universität. Er mietete dort ein Zimmer bei einem Pfarrer. Dort lerne er die Tochter des Pfarrers kennen und heimlich verlobte er sich mit ihr. 1834 wurde er wegen revolutionäre Umtreibe bereits von der Polizei gesucht. Aus dem Medizin Studenten wurde er zu einem Schriftsteller geworden. Plötzlich erkrankte er, zuerst hielt man es für eine Erkältung, doch ahnte man langsam dass es sich um Faulfieber handelte. Seine Verlobte kam sofort aus Straßburg und in ihrer Nähe ist Büchner sanft eingeschlafen.

** Nie war Büchners Vitalität mehr gesteigert als in den kurzen Züricher Tagen vor dem Tode. Drei Werke sind im Erscheinen: Leonce und Lena - Aretino, Wozzek. Aus diesem Reichtum reißt ihn ein Nervenfieber. Am 10. Februar schreibt er unter den Brief einer mütterlichen Freundin noch diese Worte an die Braut: " Adieu mein Kind" - Er wußte immer seinen frühen Tod. Als er nun kam, nahm er ihn als ein Sieger.



Zürich,

27. Januar 1837.

Mein lieb Kind, Du bist voll zärtlicher Besorgnis und willst krank werden vor Angst; ich glaube gar, Du stirbst - aber ich habe keine Lust zum Sterben und bin gesund wie je. Ich glaube, die Furcht vor der Pflege hier hat mich gesund gemacht; in Straßburg wäre es ganz angenehm gewesen, und ich hätte mich mit dem größten Behagen in's Bett gelegt, vierzehn Tage lang, rue St. Guillaume Nro 66, links, eine Treppe hoch, in einem etwas Überzwergen Zimmer, mit grüner Tapete! Hätt' ich dort umsonst geklingelt? Es ist mir heut einigermaßen wohl, ich zehre noch von gestern, die Sonne war groß und warm im reinsten Himmel - und dazu hab' ich meine Laterne gelöscht und einen edlen Menschen an die Brust gedrückt, nämlich einen kleinen Wirth, der aussieht wie ein betrunkenes Kaninchen, und nur in seinem prächtigen Hause vor der Stadt ein großes elegantes Zimmer vermietet hat. Edler Mensch!
Das Haus steht nicht weit vom See, vor meinen Fenstern die Wasserfläche und von allen Seiten die Alpen, wie sonnenglänzendes Gewölk. - Du kommst bald? mit dem Jugendmut ist's fort, ich bekomme sonst graue Haare, ich muß mich bald wieder an Deiner inneren Glückseligkeit stärken und Deiner göttlichen Unbefangenheit und Deinem lieben Leichtsinn und all Deinen bösen Eigenschaften, böses Mädchen.

Adio piccola mia!
 

 

 

 

 

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Dies sind nun also die letzten Zeilen/ Die letzten Briefe großer Persönlichkeiten/Kröger Verlag 2007