BRIEFE

 

 

E

Epistel of St Paul with Gloss
c.1150/Oxford

 

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

Chamisso Adelberg

1781 – 1838

 


Berlin den 5. August 1838

An Andersen

Mein junge Freund, der Studierende Johannes Horkel, ist der Überbringer.


Theuerster verehrtester Freund!


Sie haben einen müden alten kranken Mann, mich, mit „ Nur ein Geiger „ hocherfreut, und ich sage Ihnen für das freundliche Geschenk meinen aufrichtigen Dank. Das ist wieder die volle wunderherrliche Poesie der Kinderjahre – unvergleichlich. Das macht Ihnen Keiner nach in unserer gehegelten widerwärtigen Zeit. Sie gehören billig zu den Lieblingsschriftstellern Deutschlands. Daß Ihr diesmal schmächtigerer Held gewissermaßen verkümmert, ist wohl in der Anlage begründet, aber es ist nicht eben wohlthuend und könnte zu dem Verdacht verleiten, daß Sie, dessen alter ego, mit der Ungerechtigkeit des Schicksals zu hadern meinten. Lasset nur uns gesund und frisch uns mit dem Erzielten vergnügt erhalten und bewahre uns Gott vor Zerrissenheit und Schmerz, wie jetzt überall zur Schau widerwärtig ausgehängt wird.
Ich habe gehabt. Fuimus Troes. Ich zehre froh an der Erinnerung. Daß ich noch bisweilen spielen kann, wird Ihnen beikommendes Buch *) sagen, auch wird der diesjährige Musenalmanach reich an Beiträgern von mir sein. Wer ist Pseudonymus Carl Bernhard, der mir, sein Glückskind zugesandt hat? Ich möchte ihm meinen Dank abgestattet wissen. Lassen Sie sich unter den Erzeugnissen unserer meisten Literatur bestens empfohlen sein:
Wieland der Schmid; von K. Simrock.
Gedichte von Freiligrath.
Das neueste Gedicht von Rückert. ( zwei persichesche Heldennamen, die mir eben nicht in die Feder kommen wollten.**)
Mein armer Kopf! Mein armes Gedächtniß! )
Es giebt sonst des Mittelguten viel, aber des Schlechten eine Sündfluth, und ich spare die Tinte.
Leben Sie wohl; mein sehr theurer Freund, und bleiben Sie jung, gesund und zufrieden.
Adelbert Chamisso
Gaudy ist zum zweiten Male in Italien. Ich habe einmal Freunden von Ihnen, die Sie mir zugesandt haben ein Exemplar meiner Werke für Sie gegeben, habe Sie es erhalten.
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* Die Veranger
** Rostem und Suhrab.
 

 

 

 

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