BRIEFE

 

 

E

Epistel of St Paul with Gloss
c.1150/Oxford

 

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

Dostojewski Fiodor Michailowitsch

1821 - 1881
 

 

 


Im März des Jahres 1849 stand Dostojewski zum Tode verurteilt auf dem Semjonow - Platz in Petersburg: jung, todeswillig. Dreißig Jahre später empfängt er den Tod schweren Herzens: eine Last unerfüllter Pläne hemmt seinen Gang aus dieser Welt. Es ist ihm nicht vergönnt, die "Brüder Karamasow", jenes höchste Zeugnis russischen Genies, zu vollenden.
Er stirbt, die Worte Jesu auf den Lippen: " Halte mich nicht auf - "
Vor ihm lag jene Bibel aus der Sträflingszeit, die bei ihm war in jeder Wirrnis seines Lebens.



Petersburg, den 19. Dezember 1880.

Sehr geehrter Herr Alexander Fjodorowitsch!
Ich danke Ihnen für Ihren Brief. Sie urteilen sehr richtig, wenn Sie meinen, daß ich den Grund aller Übel im Unglauben sehe, und behaupte, daß derjenige, der den Nationalismus verneint, auch den Glauben verneint.
Das trifft ganz besonders auf Rußland zu, denn bei uns ist der Nationale Gedanke auf dem Christentum begründet.
" Christliches Bauernvolk", " Rechtgläubigkeit Rußland" sind unsere Grundbegriffe. Ein Russe, der den Nationalismus verneint( und solche gibt es viele), ist entweder Atheist oder in religiösen Fragen indifferent. Auch umgekehrt: Ein Atheist oder Indifferenter kann unmöglich das russische Volk und den russischen Nationalismus begreifen. Unsere wichtigste Tagesfragen lautet: auf welche Weise kann man diesen Grundsatz auch der gebildeten Gesellschaft beibringen?
Wenn Sie nur ein Wort in diesem Sinn sprechen wird man Sie entweder auffressen oder für einen Verräter erklären. Und wen sollen Sie eigentlich verraten haben?
Doch nur eine Partei, die in der Luft schwebt, und für die man sogar keinen Namen finden kann, denn die Leuten wissen selbst nicht, wie sie sich nennen sollen. Oder haben Sie das Volk verraten? Nein, ich will schon lieber mit dem Volke bleiben, denn nur vom Volke ist noch überhaupt etwas zu erwarten, und nicht von der gebildeten Gesellschaft, die das Volk verneint und die nicht einmal gebildet ist. Nun kommt aber eine neue Generation, die mit dem Volke eins sein will. Das erste Zeichen einer wahren Gemeinschaft mit dem Volke ist die Ehrfurcht und Liebe gegen alles, was das Volk in seiner großen Masse liebt und ehrt, d. h. gegen seinen Gott und seinen Glauben. Diese neue russische Intelligenz beginnt, so scheint es mir, gerade jetzt ihr Haupt zu erheben. Gerade jetzt ist ihre Mitarbeit am allgemeinen Werk notwendig, und sie beginnt es auch selbst einzusehen.

Weil ich den Glauben an Gott und das Volk predige, will man mich hier vom Antlitz der Erde verschwinden lassen.
Für jenes Kapitel in den Karamasows ( von der Halluzination), mit dem Sie als Arzt so zufrieden sind, hat man bereits versucht, mich zu einem Reaktionär und Fanatiker zu stempeln, der schon beim Glauben an den Teufel angelangt ist.

Die Leute bilden sich in ihrer Einfalt ein, daß das Publikum wie aus einem Munde ausrufen wird: " Wie, Dostojewski hat schon angefangen über den Teufel zu schreiben? Ach, diese Abgeschmacktheit, ach, diese Borniertheit! "
Ich glaube, daß es ihnen nicht gelingen wird. Ich danke Ihnen dafür, daß Sie mir als Arzt die Naturtreue in der Schilderung der psychischen Krankheit meines Romanhelden bestätigen. Die Ansicht eines Sachverständigen ist mir sehr wertvoll; Sie werden wohl zugeben, daß Iwan Karamasow unter den gegebenen Umständen keine andere Halluzination haben könne. Zu diesem Kapitel will ich im nächsten heft des " Tagebuchs" selbst einige kritische Erklärungen geben.

Mit dem Ausdrucke meiner Aufrichtigen Verehrung bin ich Ihr Ihnen ganz
ergebener
Fjodor Dostojewski
 

 

 

 

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Ilse Linden/ Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag Berlin 1919