BRIEFE

 

 

E

Epistel of St Paul with Gloss
c.1150/Oxford

 

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

Flaubert Gustave

1821 - 1880
 



" Ich wünsche", ruft Emile Zola beim Tode Flauberts, " für mich und für alle, die ich liebe, eine solche plötzliche Vernichtung, die dem Drucke eines Riesenfingers gleicht, der gleichsam ein Insekt erdrückt. - "
Goncourt, Zola, Daudet - alle waren nach Croisset geeilt auf das Telegramm von Maupassants: Flaubert tot! - Schon Maupassant war zu spät gekommen. Die Wirtschafterin Flauberts ist es, die um seine letzten Augenblicke weiß. Er sei zufrieden, hatte er am vorhergehenden Abend gesagt, sein Buch "Bouvard und Pequchet" sei beendet. Am Sonntag fahre er nach Paris! - Statt dessen kommt Paris zu ihm - zu seinem Begräbnis. Kommen die Freunde. Kommt seine Nichte, die er so zärtlich liebte. Erschüttert stand sie am dieses Grabes.

Sonntag 2. Mai 1880

Ach, mein armes Kätzchen, " die Laufbahn der Kunst" ist voller Enttäuschungen! Dich hat man schlecht gehängt im Salon, und Bergerat fährt fort, mich in seinem Käseblatt noch schlechter zu placieren. In seiner Nummer von heute morgen unterbricht er einfach eine Szene wegen eines Sport Artikels!

So wird man immer behandelt; das Gegenteil ist die Ausnahme, und dabei führen diese Herren immer das große Wort....
Es ist jetzt neun Uhr. Seit 7½ Uhr ist der Herr bereits auf. Der Herr schläft überhaupt nicht mehr.

Nächsten Sonnabend möchte ich mit der vorletzten Szene zu Ende sein.( An diesem Sonnabend, den 8. Mai 1880 um 11Uhr morgens starb er)

So habe ich also keine Minute zu verlieren. Heute abend gehe ich indessen zu Penntier zu Tisch..............
Lebe wohl, armes Kätzchen, Mitte der Woche erwarte ich einen Brief von Dir, darauf sende ich Dir nur noch eine Zeile, um Dir meine Ankunft zu melden.

Das Schutt -Abräumen in der Wohnung brauche ich Dir wohl nicht noch einmal ans Herz zu legen, nicht wahr?

Hast Du das unterste Bord das Bücherschrankes aufgeräumt?
Ich küsse Dich, daß es kneift.
Der Alte

 

 

 

 

 

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Ilse Linden/ Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag Berlin 1919