BRIEFE

 

 

E

Epistel of St Paul with Gloss
c.1150/Oxford

 

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

CHRISTIAN DIETRICH GRABBE

11. Dezember 1801-12. September 1836

 

Zehn Theaterstücke hatte er vollendet,  aber kein wurde gespielt. Mit allen Freunden zerstritten, auch mit seiner Frau, die von ihm eine Karriere als Jurist verlangte. Er verließ sie und kehrte als bettelarme und todkranker Alkoholiker nach Detmold zurück. Doch sie verweigerte ihm den Zutritt in das schäbige gemeinsame Haus. Seine letzten Wochen verbrachte er umgeben von Bierflaschen und Manuskriptseiten apathisch im Bett.

**Krank, ohne Mitte, kehrt Grabbe nach zweijähriger Abwesenheit zurück nach Detmold; zu seiner aufs äußerste erbitterten Frau. Er hat sie jäh verlassen. Sie weigert ihm nun den Eintritt ins Haus. Mit Polizeigewalt dringt er ein. Es beginnen die letzten schweren Tage. Grabbes Mutter kämpft mit der Frau um den Platz am Bette des Sterbenden. Die Mutter siegt. Sie ist es, die dem Sohne die Augen zudrückt.

Frau!

Übermorgen früh, Schlag neun Uhr, zieh ich in mein Haus. Vorerst denk' ich mein altes Zimmer nebst Schlafkammer, beide parterre, zu wählen. Ich hoffe sie mit allen Möbeln so imstande zu finden, als sie waren. Den Doppelschlüssel zu dem Zimmer, wovon unter anderem der Sergeant Schulz vielleicht zu sagen weiß, bitt ich mir auch neben dem Hauptschlüssel aus. Hast Du mehr Doppelschlüssel, so begehre ich alle, um sie zu vernichten. Einen Hausschlüssel (Du hast 2, wo nicht mehr) verlang' ich gleichfalls. Übermorgen früh halb neun Uhr hat Sophie bei mir zu erscheinen, oder sie ist übermorgen mittag 12 Uhr außer Diensten. Warum Du gestern das Publikum aufzuregen geschienen und den Pedell Priester vielleicht hast rufen lassen, begreif ich nicht. Es wird wohl nicht von Dir herrühren. Ein Ehemann kann übrigens in sein Haus treten. Ich tat Dir dabei nichts zuleide. Sei klug. Bedenke, unser Interesse ist gemeinsam. Handle nicht dagegen. Ich werde Dich nie verletzen. Fremde Ratgeber nützen wenig.

Christian Dietrich Grabbe Detmold, den 24. Juli 1836.

 

 

 

 

 

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Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag Berlin 1919