BRIEFE

 

 

E

Epistel of St Paul with Gloss
c.1150/Oxford

 

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

HEINRICH HEINE

1799 - 1856
 




Sie pflegte ihn, den halbgelähmten und schon bald halbblinden Dichter in seiner Matratzengruft, wie er selbst es benannt hat. Sie lenkte ihn vom Sterben ab. Lange wußte man nicht, wer diese junge Frau war. Fast zweihundert Mal besuchte sie ihn, hat ihm vorgelesen, sich von ihm diktieren lassen oder ihm nur einfach die Hand gehalten. Sie ist plötzlich krank geworden und blieb aus. Als sie wiederkam, war er tot. Erst 30 Jahre später gab sie sich als Ilse von Krinitz zu erkennen. Sie war eine erfolgsreiche Schriftstellerin und Übersetzerin der Wahlverwandtschaften ins Französische.

 Acht Jahre vor seinem Tode geschah Heines letzter Ausgang: jener Besuch im Louvre, da er vor der Statue der Venus von Milo ohnmächtig zusammenbrach. Es schmerzt, die letzten Kapitel dieses Lebens zu lesen. Ich lasse dahingestellt, schreibt er im April 1849, ob man meine Krankheit bei dem rechten Namen genannt hat, ob sie eine Familienkrankheit ( eine Krankheit, die man der Familie verdankt) oder eine jener Privatkrankheiten ist, woran der Deutsche, der im Auslande privatisiert, zu leiden pflegt, ob so ein französisches ramollissement de la moëlle e֙pinére oder eine deutsche Rückgradschwindsucht. Am 14. Februar 1856 besucht ihn die Mouche, jenes seltsame Mädchen, das seine letzten Tage mit einem schönem Licht erfüllt. beim Abschied ruft er ihr nach: " Sie wurde krank. Ist ausgeblieben!
Als sie wiederkam, war der Dichter tod.

Paris, den 11. Februar 1856

I

Liebes Kind!

 Ich habe einen Anfall von Migräne, der, wie ich fürchte, noch bis morgen anhalten oder noch schlimmer werden wird. Ich schreibe Dir eiligst, um Dich wissen zu lassen, daß morgen keine Schule ist, und daß Du folglich über Deinen Nachmittag ganz nach Belieben verfügen kannst. Ich rechne aber auf Dich übermorgen, Sonntag. Solltest Du nicht kommen können, so laß mich's wissen, liebstes, süßes Kind.

Ich werde Dich niemals prügeln, selbst wenn Du eine solche Strafe durch allzugroße Dummheit verdienen solltest. Um die Rute zu schwingen, bedarf es vor allem einer größeren Kraft, als ich sie besitze. ich bin niedergedrückt, leidend und traurig.

Küsse die pattes mouche.

Dein Freund

Heinrich Heine

II

An die Mouche
Paris, 14. Februar 1856

Liebste!

Komme heute (Donnerstag) nicht. Ich habe die entsetzlichste Migraine. Komm morgen (Freitag)

Dein leidender H. H.
 

 

 

 

 

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Ilse Linden/ Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag Berlin 1919