BRIEFE

 

 

E

Epistel of St Paul with Gloss
c.1150/Oxford

 

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

FRIEDRICH HÖLDERLIN

 1770 -  1843

 

Hölderlin ist bekannt durch  Hyperion - Briefe an Diotima. Die Liebe zu seiner  Hausherrin Suzette Gontard ermöglichte im den einzigen Roman Hyperion, das Bekenntnis einer überspannten Seele. Nach ihrem Tod brach Hölderlin psychisch zusammen, lebte noch bei seinem Freund, bis sich die Psychose so verstärkte, dass er zunächst  in eine Klinik kam, mit der Prognose eine kurze Überlebungszeit zu haben. Dort lebte er noch sechsunddreißig Jahre lang in einem Turm. Seine letzte bekannte schriftliche Mitteilung ist solch ein Eintrag.

 

 

Für einen Unbekannten

(Tübingen, 1840)
Von der Realität des Lebens.
Wenn die Menschen das bemerken, daß Kentnisse im Leben sind, die den Menschen interessiren, so kann man davon sprechen, daß ein Zwek im Leben, und daß die Nützlichkeit im Leben nicht ohne Interesse wäre. Die höchsten Behauptungen des Menschen sind nicht ohne solche Allgemeinheit. Das Innere des Menschen ist von mehreren Bestimmungen; diese Art von Behauptenheiten ist davon nicht ausgeschlossen. Die Menschen sind in solchen Rüksichten höhere Menschen, die in der menschlichen Gesellschaft existiren.

d. 25 Januar 1729.
Dero unterthänigster Buarotti.

_________________
 

27. Mai. Freundschaft. Wenn Menschen sich... Unten Vermerk des Oberbibliothekars  Robert von Mohl: Vorstehendes Gedicht ist von dem, wahnsinnigen Dichter Hölderlin  am 27ten Mai 1843 aus dem Stegreife niedergeschrieben worden.
Die Unterschrift  die des von ihm in seiner Geisteskrankheit angenommenen Namens; Tübingen,  30. Mai 1843.

 


Freundschafft


Wenn Menschen sich aus innrem Werthe kennen,
So können sie sich freudig Freunde nennen,
Das Leben ist den Menschen so bekannter,
Sie finden es im Geist interessanter.


Der hohe Geist ist nicht der Freundschafft ferne,
Die Menschen sind den Harmonien gerne
Und der Vertrautheit hold, daß sie der Bildung leben,
Auch dieses ist der Menschheit so gegeben.


d. 20 Mai 1758.
Mit Unterthänigkeit

Scardanelli.

II

 


Anfang Juni. Der Frühling. Die Sonne kehrt... und Die Aussicht. Wenn in die Ferne  geht...

Auf Die Aussicht der Vermerk Fritz Breunlins In Tübingen von Hölderlin in seinen letzten Lebenstagen geschrieben.  Letztmals die Tag- und Jahreszeiten als sicheres  Zeichen der Erneuerung. Und unversehens das Wort Neue Welt, über Chor  am Schluß des Empedokles-Entwurfs. Dazu, wie geheime Fermaten, die ein wärtsgebogenen Formen ...erscheint sich... und sich erglänzt... die Erfindung dieses  letzten Gedichtpaars sind.

Der Frühling



Die Sonne kehrt zu neuen Freuden wieder,
Der Tag erscheint mit Stralen, wie die Bliithe,
Die Zierde der Natur erscheint sich dem Gemüthe,
Als wie entstanden sind Gesang und Lieder.


Die neue Welt ist aus der Thale Grunde.
Und heiter ist des Frühlings Morgenstunde,
Aus Höhen glänzt der Tag, des Abends Leben
Ist der Betrachtung auch des innern Sinns gegeben.

d. 20 Jan. 1758
mit Unterthänigkeit


Scardanelli.

 


Die Aussicht


Wenn in die Ferne geht der Menschen wohnend Leben,
Wo in die Ferne sich erglänzt die Zeit der Reben,
Ist auch dabei des Sommers leer Gefilde,
Der Wald erscheint mit seinem dunklen Bilde,


Daß die Natur ergänzt das Bild der Zeiten,
Daß die verweilt, sie schnell vorübergleiten,
Ist aus Vollkommenheit, des Himmels Höhe glänzet
Den Menschen dann, wie Bäume Blüth' umkränzet.


24 Mai 1748
Mit Unterthänigkeit


Scardanelli

 


 

Startseite
Verzeichnis

_______________________________
Friedrich Hölderlin Sämtliche Werke Briefe und Dokumente in zeitlicher Folge
Band XII 1806 - 1843 Homburg Tübingen In lieblicher Bläue... Hyperion III Turmgedichte
Literaturverlag Leuchterhand 2004