BRIEFE

 

 

E

Epistel of St Paul with Gloss
c.1150/Oxford

 

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

UHLAND LUDWIG

1787 - 1862

.... [Der Winterkälte ungeachtet ließ sich Uhland nicht abhalten, der Beerdigung in Weinsberg anzuwohnen; er und Freund Mayer machten die Reise dahin zusammen. Es war ihm nach der Zurückkunft kein Unwohlsein anzufühlen, und wenige Tage nach der Zurückkunft begleitete er in Tübingen nochmals einen Jugendgenossen und Schulkameraden, den Profector Bauer, zu seiner letzten Ruhestätte. Zwei Tage darauf fühlte er sich heiser, klagte aber nicht weiter darüber. An diesem Tage schrieb er den letzten Brief mit eigener Hand ]

 

 

Uhland an Karl von Killinger in Karlsruhe


Tübingen, 8. März 1862

„ Theuerster Vetter!


Es war uns eine innig erfreuende Nachricht, die wir von der Verlobung Deiner Marie mit einem ihrer Achtung und Liebe so würdigen Lebensgefährten erhalten haben. Die junge Verwandte ist uns persönlich sehr werth geworden, so daß wir diesen ihren wichtigen Schritt mit den theilnehmendsten Glückwünschen begleiten. Hoffentlich gebt Ihr uns bald einmal durch freundlichen Besuch Gelegenheit, Euch in dieser frohen Erweiterung Eures Kreises wiederzusehen.
Die neueste Zeit hat mir freilich auch Trauriges bereitet. Zum Jahresschluß stand ich am sarge meines treuen Freundes und Schwagers Roser, in vorletzter Woche warf ich die Scholle in das Grab Kerners, den ich jährlich in Weinsberg heimzusuchen pflegte, und eben noch in diesen Tagen gab ich einem hiesigen Schulkameraden, Profector Baur, das letzte Geleit. So bringt es das vorgerückte Alter mit sich; da leuchten aber auch wieder die hellen Glückessterne herein, die über den Häuptern eines jüngeren befreundeten Geschlechtes aufgehen.
Dir und den Deinigen unsere herzlichsten Grüße.
Dein treu ergebener
L. U.
 

 

 

 

 

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Ludwig Uhlans Leben
Aus dessen Nachlaß und aus eigener Erinnerung zusammengestellt von seiner Witwe
Stuttgart Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung 1874