BRIEFE

 

 

E

Epistel of St Paul with Gloss
c.1150/Oxford

 

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

Stefan Zweig

1881 - 1942

 

In der Nacht von 22. zum 23 Februar nahm sich Stefan Zweig das Leben.
In seinem Abschiedsbrief hat Zweig notiert " aus freien Willen und klaren Sinnen aus dem Leben scheiden.
Die Zerstörung seiner geistigen Europa hatte ihn entwurzelt und seine geistigen Kräfte erschöpft.

 

Liebe Friederike, wenn dich diese Zeilen erreichen, wird es mir bedeutend besser gehen als bisher.
Du hast mich ja in Ossining gesehen und nach einer erfreulichen und unbeschwerten Phase wurde meine Depression 
merklich akuter - ich war so deprimiert, daß ich mich einfach nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren konnte. Zudem die Gewißheit - die einzige, die wir je hatten -, daß der Krieg noch Jahre dauern wird, daß schier endlose Zeit vergehen wird, bevor wir - in unserer besonderen Lage - in unser Haus zurückkehren können, war einfach zu bedrückend.
Ich habe mich in Petropolis durchaus wohlgefühlt, aber mir fehlten hier die Bücher, die ich brauche, und die Einsamkeit, die zunächst ja eine deutliche Linderung bewirkte, schlug in Bedrückung um - die Vorstellung, daß mein Hauptwerk, der Balzac nicht fertig werden könnte, wenn ich nicht noch zwei ungestörte Jahre darauf verwendete, und dann waren alle Bücher so ungemein schwer zu beschaffen, und dann dieser Krieg, dieser nicht enden wollende Krieg, der seinen Höhepunkt noch längst nicht erreicht hat.
Ich war all dessen so leid und müde (und die arme Lotte hatte es sicher nicht leicht mit mir, vor allem weil es mit ihrer Gesundheit nicht zum besten stand). Du hast Deine Kinder und damit eine Aufgabe, Deine Interessen sind vielseitig und Deine Tatkraft ist ungebrochen.
Ich bin der festen Überzeugung, daß Du einst bessere Zeiten erleben wirst und daß Du verstehen wirst, daß ich mit meiner »schwarzen Leber« nicht länger gewartet habe.
Ich schreibe Dir diese Zeilen in meinen letzten Stunden, und Du kannst Dir nicht vorstellen, wie leicht mir ums Herz ist, seit ich diese Entscheidung getroffen habe. Grüße Deine Kinder recht lieb von mir und hadere nicht - denke immer an den guten Joseph Roth und an Rieger, wie ich sie beneidet habe, daß sie all diese Qualen nicht haben erleiden müssen.
In Liebe und Freundschaft, und bleib guten Mutes, weißt Du mich doch jetzt ruhig und glücklich.

Stefan

Erklärung
Ehe ich aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide, drängt es mich eine letzte Pflicht zu erfüllen: diesem wundervollen Lande Brasilien innig zu danken, das mir und meiner Arbeit so gute und gastliche Rast gewährt. Mit jedem Tage habe ich dieses Land mehr lieben gelernt und nirgends hätte ich mir lieber mein Leben vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selbst vernichtet.

Aber nach dem sechzigsten Jahr bedurfte es besonderer Kräfte, um noch einmal völlig neu zu beginnen. Und die meinen sind durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschließen, dem geistige Arbeit die lauterste Freude und persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen.

Ich grüße alle meine Freunde!
Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht. Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus!

Stefan Zweig
Petropolis 22. II. 1942

 

 

 

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Dies sind nun also die letzten Zeilen/ Die letzten Briefe großer Persönlichkeiten/Kröger Verlag 2007