BRIEFE

 

 

 

DER LETZTE BRIEF
    BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht: Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos –werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

                           

 

 

 

Schumann Robert

1810 - 1856
 


Vierzehn Tage nach seinem unendlich ergreifenden letzten Brief flüchtet der für einen Augenblick Unbewachte auf die Straße. Eilt mit fliegendem Haar an den Rhein, stürzt sich hinab, wird gerettet und zurückgebracht. -
Tage folgen, aus denen wie dunkle Akkorde noch einige Kompositionen blühen!
Am 4. März 1854 kommt der Unheilbare nach Endenich bei Bonn.
Zwei Jahre später - am 29. Juli, nachmittags 4Uhr - bringt ihm der Tod Erlösung. Seine Frau Klara ist an seinem Sterbebette. Ihr gilt sein letzter erkennender Blick.


***

 

Dienstag, den 29.7.1856, sollte er befreit werden von seinem Leiden - nachmittag 4 entschlief er sanft. Seine letzten Stunden waren ruhig, und so schlief er auch ganz unbemerkt ein, niemand war in dem Augenblick bei ihm. Ich sah ihn erst eine halbe Stunde später, Joachim war auf eine Depesche von uns aus Heidelberg gekommen; dies hatte mich länger in der Stadt zurückgehalten als gewöhnlich nach Tisch. (...) Ich hatte es nicht bekannt gemacht, weil ich nicht wünschte, daß viele Freunde kämen. Seine liebsten Freunde gingen ja voran, ich hinterher (unbemerkt), und so war es am besten, gewiß in seinem Sinne!" (Litzmann, Bd. 2, S. 415f)

 

***Brief, Endenich, 5. Mai 1855,
Robert Schumann an Clara Schumann:

Lieb Clara,
Am 1sten Mai sandte ich Dir einen Frühlingsboten;
die folgenden Tage waren aber sehr unruhige; Du erfährst aus meinem Brief, den Du bis übermorgen erhälst, mehr.
Es wehet ein Schatten darin; aber, was er sonst enthält, das wird Dich, meine Holde, erfreuen.
Den Geburtstag unsres Geliebten wußt' ich nicht; darum muß ich Flügel anlegen, daß die Sendung noch morgen mit der Partitur ankömmt.
Die Zeichnung von Felix Mendelssohn hab' ich beigelegt, daß Du [sie] doch in's Album legtest. Ein unschätzbares Andenken!
Leb wohl, Du Liebe!
Dein
Robert.
5. Mai. 1855
[Vermerk von Clara Schumann: Letzter Brief]



II


Die Paralyse bereitete ihm ein verhältnismäßig gnädiges Ende. In die Heilanstalt Endenich bei Bonn hatte er sich aus eigenem Entschluss begeben: Nach einer Krise im Februar 1854 fürchtete er, nicht mehr Herr seiner Sinne zu sein; er wählte Kleider, Uhr, Notenpapier, Schreibzeug und Zigarren aus und wollte sich noch spätabends ins Krankenhaus begeben. Seine Frau hielt ihn davon ab; am Morgen des 27. Februar stürzte er sich in den Rhein, wurde aber von Fischern gerettet - sein demonstrativer Akt gab den Anlass zur Übersiedlung in das Sanatorium. Dort war er nicht interniert; er durfte sich frei bewegen, hatte ein Klavier und durfte Besucher empfangen. Sein Geist war klar; er wusste stets, wer und wo er war; er war nur unendlich müde. Ein halbes Jahr lang wollte er nichts von seiner Frau hören, dann sprach er zu ihr in seinen Briefen wie zu einer fernen Gestalt aus einer Vergangenheit, die ihn zwar noch rührte, aber nichts mehr anging. Zwar freute er sich noch über die Nachricht, »dass der Himmel Dir einen prächtigen Knaben« geschenkt habe, aber die Formulierung verrät, dass er damit nichts mehr zu tun haben wollte. Den jungen Brahms betrachtete er als seinen Nachfolger; bei ihm wusste er nicht nur Klara, sondern auch sein künstlerisches Vermächtnis in guten Händen. Er schrieb nicht mehr, zog sich in sich selbst zurück und starb.




An Johannes Brahms


Endenich, 27. November 1854.


Lieber!
Könnt' ich selbst zu Ihnen, Sie wieder zu sehen und zu hören und Ihre herrlichen Variationen, oder von meiner Klara, von deren wundervollem Vortrage mir Joachim geschrieben. Wie das Ganze so einzig abrundet, wie man Sie kennt in dem reichsten phantastischen Glanz und wieder in tiefer Kunst, wie ich Sie noch nicht kannte, verbunden, die Thema hie und da auftauchend und sehr geheim, dann so leidenschaftlich und innig. Das Thema dann wieder ganz verschwindend, und wie so herrlich der Schluß nach der vierzehnten, so kunstreichen, in der Sekunde kanonisch geführten, die fünfzehnte in Ges - dur mit dem genialen zweiten Teile und die letzte. Und dann hab' ich Ihnen, teurer Johannes, zu danken für alles Freundliche und Gütige, was Sie meiner Klara getan; sie schreibt mir immer davon. Gestern hat sie wie Sie vielleicht wissen, zwei Bände meiner Kompositionen und die Flegeljahre von Jean Paul zu meiner Freude geschickt. Nun hoffe ich doch auch von Ihnen, wie mir Ihre Handschrift ein Schatz ist, sie bald in anderer Weise zu sehen. Der Winter ist ziemlich lind. Sie kennen die Bonner Gegend, ich erfreue mich immer an Beethovens Statue und der reizenden Aussicht nach dem Siebengebirge. In Hannover sahen wir uns zum letzten Male. Schreiben Sie nur bald Ihrem verehrenden und libenden

R. Schumann



 

 

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" Dies sind nun also die letzten Zeilen" / Krüger Verlag 2007   Werner Fuld

*** Aus: Schumann Forschungen Band 11
Robert Schumann in Endenich (1854-1856):
Krankenakten, Briefzeugnisse und zeitgenössische Berichte hg. von der Akademie der Künste, Berlin,
und der Robert Schumann Forschungsstelle, Düsseldorf, durch Bernhard R. Appel
Schott Mainz London Berlin Madrid New York Paris Tokyo Toronto 2006