Der letzte Brief

 

Briefe berühmter Menschen

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.

Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu
entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die
Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 


MOZART WOLFGANG AMADEUS

 1756 - 1791

 

ERSTER BRIEF

wurde in Salzburg geboren. Er ist ein Wunderkind. Bereits mit sechs Jahren wird er zusammen mit seinem geliebten Schwesterchen vom Vater auf Kunstreisen mitgenommen. Als vierzehnjähriger bereist er mit dem Vater Italien; Fürsten und der Papst feiern sein musikalisches Genie. Dabei bleibt er der entzückendste, frische Junge, wie die ersten vier unserer Briefe beweisen, die er aus Italien an die Schwester in Salzburg schreibt. – Aber der neue Salzburger Erzbischof, in dessen Dienst die Mozart standen, verweigerte weiteren Urlaub, und man mußte nach Salzburg zurückkehren. Welche üble Behandlung sich der junge Mozart bei seinem banausischen Herrn gefallen lassen mußte, ist bekannt. Um so höher schätzte ihn Kurfürst Maximilian von Bayern; doch eine Anstellung konnte er dem jungen Mozart nicht verschaffen. Auf einer Kunstreise nach Bayern kommt er auch nach Augsburg, wo er nach allerhand Schwierigkeiten eine „ Akademie“, d. h. ein Konzert gibt.
Die Herren Patricii machten sich über Mozart Orden vom goldenen Sporn, den er als vierzehnjähriger Virtuos vom Papste erhalten hatte, lustig.
Aber Mozart weiß es ihnen gut wiederzugeben und schildert alles in seiner lebhaften, dramatischen Art in dem fünften unserer Briefe, den er als einundzwanzigjähriger schrieb.
In dieselbe Zeit fällt auch eine kleine Liebelei mit seinem Bäsle. Die beiden folgenden Briefe, die er im selben Jahre aus Mannheim schreibt, sind an sie gerichtet. Sie sprudeln vor Uebermut. -
Die dann folgenden zwei Briefe des Fünfzehnjährigen sind an den Vater gerichtet, und zwar aus Wien, wohin sich der Sohn nach dem geschilderten Bruch mit dem Salzburger Erzbischof gewandt hat. Hier in Wie gefällt es ihm. Noch in dem gleichen Jahr teilte er dem Vater mit, daß er zu heiraten gedenke. Zwar gibt es noch vor der Hochzeit eine kleine Szene mit seiner geliebten Constanze, weil sie sich von einem Chapeau, d.h. ihrem Tänzer habe sich die Waden messen lassen. Nun war das Wademessen ein beliebtes Gesellschaftsspiel, aber man muß sich überlegen, in welcher Gesellschaft man es macht, und manches hat ein Bräutigam eben nicht gerne.
Aber die Wolke zieht vorüber, Wolfgang und Constanze wurden ein paar, und es scheint ihm im Ehestand ganz gut gefallen zu haben – man lese folgendes Verschen, das er zwei Jahre später seiner geliebten Schwester zu ihrer Hochzeit dichtete und schickte:

 

Du wirst in Ehstand viel erfahren,
was Dir ein halbes Rätsel war;
bald wirst Du aus Erfahrung wissen,
wie Eva einst hat handeln müssen,
da ß sie hernach den Kain gebar.
Doch Schwester, diese Ehstandspflichten
wirst Du von Herzen gern verrichten,
denn glaube mir, sie sind nicht schwer.
Doch jede Sache hat zwo Seiten:
 der Ehstand bringt zwar viele Freuden,
allein auch Kummer bringt er;
Drum wenn Dein Mann Dir finstre Mienen,
die Du nicht glaubest zu verdienen,
in seiner übeln Laune macht:
so denke, das ist Männergrille,
und sag: Herr, es geschieht Dein Wille
bei Tag und meiner bei der Nacht.



(An die Schwester)

Mailand, 10. Februar 1770.

Wenn man die Sau nennt, so kömmt sie gerennt. Ich bin wohl auf, Gott Lob und dank, und kann kaum die Stunde erwarten, eine Antwort zu sehen. Ich küsse der Mama die Hand, und meiner Schwester schicke ich ein Blattern. - - Busserl, und bleibe der nämliche - -aber wer? - -der nämliche Hanswurst. Wolfgang in Deutschland, Amadeo in Italien de Mozartini.

II
(An die Schwester)

17. Februar 1770.


Da bin ich auch, da habt’s mich: Du Mariandel, mich freut es recht, daß Du so erschrecklich – lustig gewesen bist. Dem Kindsmensch, der Urserl, sage, daß ich immer meine, ich hätte ihr alle Lieder wieder zurückgestellt; aber allenfalls, ich hätte sie in den wichtigsten und hohen Gedanken nach Italien mit mir geschoben, so werde ich nicht ermangeln, wenn ich es finde, es in den Brief hinein zu prägen. Addio, Kinder, lebt’s wohl, der Mama küsse ich tausendmal die Hände, und Dir schicke ich hundert Busserin oder Schmazerin auf Dein wunderbares Pferdegesicht.
Per fare il fine, bin ich Dein etc.

III

(An die Schwester)


Rom, 14. April 1770.

Ich bin Gott Lob und Dank! Nebst meiner miserablen Feder gesund und küsse die Mama und die Nannerl tausend oder 1000 Mal. Ich wünsche nur, daß meine Schwester zu Rom wäre denn ich würde diese Stadt gewiß wohl gefallen, indem die Peterskirche regulär, und viele andere Sachen zu Rom regulär sind. Die schönsten Blumen tragen sie jetzt vorbei; den Augenblick sagt es mir der Papa. Ich bin ein narr, das ist bekannt. Oh, habe eine Not. In unserem Quartier ist nur ein Bett. Das kann die Mama sich leicht einbilden, daß ich bei dem Papa keine Ruhe habe.

Ich freue mich auf das neue Quartier. Jetzt habe ich just den heiligen Petrus mit dem Schlüsselamt, den heiligen Paulus mit dem Schwert und den heiligen Lukas mit meiner Schwester etc. etc. abgezeichnet. Ich habe die Ehre gehabt, des heiligen Petrus Fuß zu S. Petro zu küssen, und weil ich das Unglück habe, so klein zu sein, so hat man mich als den nämlichen alte hinaufgehoben.
Wolfgang Mozart.
 

 

LETZTER BRIEF


Der letzte Brief des Fünfunddreißigjährigen, geschrieben an seine Frau Constanze drei Wochen vor dem plötzlichen Ende, lässt keinerlei Rückschlüsse auf die Umstände seines Todes zu. Viel wurde darüber spekuliert, ob Mozart ermordet wurde, vielleicht von den Freimaurern, vielleicht von seinem Kollegen Salieri. Und gab es einen Zusammenhang zwischen seinem Tod und dem unbekannten Auftraggeber des Requiem? Solche haltlosen Vermutungen haben den Tod des jungen Genies mit einer Aura des Mysteriösen umgeben, die seinem Leben gänzlich fehlte.


An seine Frau
Baden bei Wien den 14. Oktober 1791

Liebstes bestes Weibchen

Gestern Donnerstag den 13ten ist Hofer mit mir hinaus zum Carl, wir speisten daraus, dann fuhren wir herein, um 6 Uhr hohlte ich Salieri und den Cavalieri mit den Wagen ab, und führte sie in die Loge - dann gieng ich geschwind die Mama und den Carl abzuhohlen, welche unterdessen bey Hofer gelassen habe.
Du kannst nicht glauben, wie artig beide waren, - wie sehr ihnen nicht nur meine Musick, sondern das Buch und alles zusammen gefiel.
 - Sie sagten beide ein Opera, - würdig bey der größten Festivität vor dem größten Monarchen aufzuführen, - und Sie würden sie gewis sehr oft sehen, den sie haben noch kein schöneres und angenehmeres Spectacel gesehen.
- Er hörte und sah mit aller Aufmerksamkeit und von der Sinfonie bis zum letzten Chor, war kein Stück, welches ihm nicht ein bravo oder bello entlockte, und sie konnten fast nicht fertig werden, sich über diese Gefälligkeit bei mir zu bedanken. Sie waren allzeit gesinnt gestern in die Oper zu gehen. Sie hatten aber um 4 Uhr schon hinein sitzen müssen - da sahen und hörten Sie aber mit Ruhe.
 - Nach dem Theater ließ ich sie nach Hause führen, und ich supirte mit Carl bei Hofer. - Dan fuhr ich mit ihm nach Hause, allwo wir beyde herrlich schliefen. Dem Carl hab ich keine geringe Freude gemacht, daß ich ihm in die Oper abgeholt habe.
 - Er sieht herrlich aber daß übrige ist leider Elend! - einen guten Bauern mögen sie wohl der Welt erziehen! - aber genug, ich habe weil Montag erst die
großen Studien (daß Gott erbarm) den Carl bis Sonntag nach Tisch ausgebeten; ich habe gesagt, daß du ihm gerne sehen möchtest - Morgen Sonntag komme ich mit ihm hinaus zu dier - dan kannst du ihn behalten, oder ich führe ihn Sonntag nach Tisch wieder zu Hecker; - überlege es, wegen einen Monath, kann er eben nicht verdorben werden, denke ich! - unterdessen kann die Geschichte wegen den Piaristen zu Stande kommen, woran wirklich gearbeitet wird. - übrigens ist er zwar nicht schlechter, aber auch um kein Haar besser als er immer war. er hat die nähmlichen Unform, plaget gerne wie sonst, und lernt fast noch weniger gern, weil er daraus nichts als vormittags 5 und nach Tisch 5 Stunden im Garten herumgeht, wie er mir selbst gestanden hat, mit einem Wort die Kinder thuen nichts, als Essen, trinken, schlafen und spazieren gehen, eben ist Leitgeb und Hofer bei mir; - ersterer bleibt bey mir beym Essen, ich habe meinen treuen Kameraden Primus eben um ein Essen ins Bürgerspital geschickt; - mit dem Kerl bin ich recht zufrieden ein einziges Mahl hat er mich angesetzt, daß ich gezwungen war bey Hofer zu schlafen, welches mich sehr seckirte, weil sie mir zu lange schlafen, ich bin am liebsten zu Hause, weil ich meine Ordnung schon gewohnt bin dieß einzige Mahl hat mich ordentlich übeler Humor angeregt.
Gestern ist mir der Reise nach Bernstorf der ganze Tag daraufgegangen, darum konnte ich dir nicht schreiben - aber daß du mir 2 Tage nicht geschrieben, ist unverzeihlich, heute hoffe aber gewiß Nachricht von dir zu erhalten, und Morgen selbst mit dir zu sprechen, und dich von Herzen zu küssen.
Lebe wohl Ewig dein
Mozart

d. 14.8 br.1791.
Die Sophie küsse ich tausendmahl, mit N. N. mache was
du willst, adieu.


 

 



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!:Dies sind nun also die letzten Zeilen Werner Fuld Krüger Verlag Erschienen im Krüger Verlag, einem Unternehmen des S. Fischer Verlag GmbH 2007

2.Jugendbriefe  berühmter Männer / Ausgewählt und eingeleitet von Dr. Joh. Rohr / Verlag " Die Buchgemeinde" 1924