Der letzte Brief

 

Briefe berühmter Menschen

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.

Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide – Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu
entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die
Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 

 

SCHOPENHAUER ARTHUR

  ( 1766 - 1860 )



An seine Mutter 22. Oktober 1806

Es soll so sein, nichts soll standhalten im vergänglichen Leben: kein unendlicher Schmerz, keine ewige Freude, kein bleibender Eindruck, kein dauernder Enthusiasmus, kein hoher Entschluß, der gelten könnte fürs Leben! Alles löst sich auf im Strom der Zeit. Die Minuten, die zahllosen Atome von Kleinigkeiten, in die jede Handlung zerfällt,, sind die Würmer, die an allem Großen und Kühnen zehren und es zerstören. Das Ungeheuer Alltäglichkeit drückt alles nieder, was emporstrebt. Es wird mit nichts Ernst im menschlichen Leben, weil der Staub es nicht wert ist. Was sollten auch ewige Leidenschaften dieser Armseligkeiten wegen?

__________

Gedanken und Aussprüche 1912 Verlag Julius Zeitler Leipzig
 

Letzter Brief


Meine jungen Freunde,

dass Sie in jugendlichem Alter, in einer aller Philosophie sehr heterogene Lage, endlich auch noch in einer entlegenen Oesterreicher Provinz, sich so ernstlich mit meinen Lehren beschäftigen, hat mich erstaunt u. höchst erfreut, zudem auch mir von Ihnen eine vortheilhafte Meinung gegeben, Daher ich nicht unterlasse Ihnen zu antworten.

Ihr Problem lässt sich sehr leicht zurückführen auf einen Schluß, der formel richtig ist u. dessen Prämissen wahr sind, - während die Konklusion eine offenbar falsche Aussage ist. Dies entsteht daraus, daß dabei eine Amphibolie der Begriffe vorgeht, indem der Wille als individuelle Erscheinung genommen, sodann aber wieder in seiner Eigenschaft als Ding an sich gefasst wird.
In diese letztern Beziehung wird jedoch der Gegenstand Transzsendent, d.h. er geht über alle Möglichkeit unsers Verständnisses hinaus; weil über die mögliche Erfahrung hinaus die Formen unsers Intellekts, Raum und Zeit, Kausalität, nicht mehr anwendbar sind.
Diese Formen behält jedoch Ihre Argumentation bei, indem sie die Prädikate Ganzes und Theil, Einheit und Zahl, Ursach u. Wirkung, als den Willen als Ding an sich anwendet.
Sie fassen ihn z. B. mittels unsrer Anschauungsform Raum, indem Sie quantitativ von ihm reden u. sagen: Da der Wille in jedem Individuo ganz vorhanden ist, muß mit seiner Aufhebung in diesem die ganze Welt aufgehoben seyn.“
Wenn Sie aber die Sache so rein quantitativ auffassen, hätten Sie konsequenterweise, höher obn anfangen u. sagen sollen: 2 nimmermehr kann der ganze u. untheilbare Wille ganz in jedem von zahllosen Individuen seyn.“
Imgleichen geht ihre Argumentation eigentlich auch auf die Kausalität, der der aufgehobene Wille auf die Erscheinungswelt ausübt. Ebenso nimmt sie die Zeit in Betrachtung, in dem sie sagt: „ nach dem Eintritt einer Verneinung des Willens muß u. s. w.“
_ Diese gesammte Amphibolie entsteht daraus, da Ihre Argumentation sich auf die Gränze des unsrer Erkenntniß Zugänglichen u. des ihr Unzugänglichen, Transzcendeten, gestellt hat u. nun die Begriffe über diese Gränze hin u. her wirft. Ich meinerseits habe mich vor aller Transzcendenz gehütet u. immer nur von Dem geredet, was sich in der Erfahrung nachweisen lässt: so habe ich den Willen in seiner Bejahung gezeigt, nebst der an dieser hängenden Erscheinung, dieser Welt, als ihrer Folge; sodann das Ethische Phänomen seiner Verneinung: hier aber kann ich auf die Folgen nicht weiter schließen, als negativ, u. da sind sie für uns - -Nichts.
Ob nun die den Willen bejahenden Individuen u. das ihn ausnahmsweise verneinde sich in der Zeit als vor oder nach einander darstellen, macht keinen Unterschied, so wenig wie daß sie im Raum neben einander auftreten müssen. Dies Alles geschieht bloß in der Erscheinung u. vermöge ihrer Formen.

Für den in der Verneinung begriffenen individuellen Willen habe ich die negative Folge ausgesprochen, Bd.1.p.452,3te Auflage [G.A. II, 452 2 te Aufl: p. 432 u. damit die äußerste Gränze, zu der unsre Fassungskraft reicht, berührt.

Alles hier Gesagte wird Ihnen um so mehr einleuchten, je mehr Sie sich mit der Kritik der reinen Vernunft bekannt gemacht haben. Hinsichtlich der unüberschreitbaren Gränze aller unsrer methaphysischen Erkenntnisse, empfehle ich Ihnen die 3 ersten Seiten des letzten Kapitels des 2 ten Bandes meines Hauptwerks aufmrksm zu lesen. Zur Aufhellung Ihres Problems ist auch zu berücksichtigen Bd: 2 p. 698, 3te Auflage, 2 te Aufl.: p. 607 [ G. A. III, 700] „ Die Individualität u. s. w.
[ Einige Personalnotizen.]

Von herzen wünsche ich Ihnen Glück u. Heil in Ihrer militärischen Laufbahn, u. dass der philosophische Geist Sie durch das ganze Leben begleiten möge.
Arthur Schopenhauer

Frankfurt am Main d. 1. September 1860.
 



STARTSEITE /INDEX

__________________
Schopenhauer Briefe Sammlung meist ungedruckter oder schwer zugänglicher Briefe von und an A. Schopenhauer
Herausgegeben; mit Anmerkungen und biographischen Anleiten Ludwig Schemann
Leipzig F. A. Brockhaus 1898
1. September 1860