Der letzte Brief

 

Briefe berühmter Menschen

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.

Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu
entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die
Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 


 

Stifter Adalbert

1805 -1868

 

 

An Johannes Aprent

 24 Dezember 1867

 

Meine Leute sagen mir, dass Du in diesen Tagen schon zweimal bei mir warst, und dass sie Dich nicht zu mir herein gelassen haben, weil der Arzt es verboten hat. Ich weiß nicht, haben sie es vergessen, dass ich gesagt habe, dass man Dich immer herein lasse, oder habe ich vergessen es zu sagen, aber es ist mir sehr peinlich, dass es geschehen ist.

Ich bitte Dich also, laß Dir den Gang nicht zu viel werden und komme sehr bald. Ich bin zwar so heiser, dass ich fast nichts reden kann, aber weilchen kannst Du doch bei meinem bette sitzen, wir reden ein weniges, und dann gehst Du wieder. Der Arzt sagt, es geht zu Ende, und dann ist Alles auf einmal gut. Bei der Frau war es auch so.

Tausend Grüße.

 

N. S. Komme, wenn Du kannst, noch heute oder morgen, oder wann Du willst, denn es ist mir sehr peinlich, und in dieser Krankheit macht mir jedes Kleinste Unruhe und Aufregung.

 

 



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Adalbert Stifter Werke Briefe Dritter Band Verlag von Gustav Heckenast 1869 herausgegeben von Johannes Aprent