Der letzte Brief

 

Briefe berühmter Menschen

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.

Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu
entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die
Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 


Turgéniew Ivan Sergejewitsch

1818 - 1880

 


Mit 63 Jahren tanzt der Dichter Turgéniew auf dem Gut des Freundes Tolstoi – in ausgelassener Gesellschaft – Cancan! -
Es ist sein letzter Besuch in der russischen Heimat. Es ist die letzte große Fröhlichkeit, der er nachgibt. – Bei der Rückkehr nach Paris meldet sich das Leiden, das ihn wegreißen sollte. Zwei Jahre kämpft er noch. Zeit tiefster Hoffnungslosigkeit!
Einzig die mehr als vier Jahrzehnte erprobte Freundschaft mit Pauline Biardot erleichtert ihm dieses Hinsiechen.
In ihrem Haus wohnt er in Paris. Nicht weit von ihrem Landsitz in Bougival.
An seinem Sterbebett weint die Familie Biardot wie um einen Blut – Verwandten.

Turgéniew, geb. 9. November 1818, gest. 3. September 1883. -


An Graf Leo Tolstoi:
Bougival, den 27. oder 28. Juni 1883 –



Lieber und teurer Leo Nikolajewitsch, ich habe Ihnen lange nicht geschrieben; denn ich lag und liege, kurzweg gesagt, auf dem Sterbebette. Genesen kann ich nicht, und es ist gar nicht daran zu denken. Ich schreibe Ihnen aber in der Absicht, um Ihnen zu sagen, wie sehr ich mich freue, Ihr Zeitgenosse zu sein, und um Ihnen meine Letzte und aufrichtige Bitte vorzutragen. Mein Freund, kehren Sie zu der literarischen Tätigkeit zurück!
Es stammt ja dieses Ihr Talent dort her, woher alles andere kommt. Ach, wie glücklich wäre ich, könnte ich glauben, daß meine Bitte bei Ihnen Erfolg hat!! Ich aber bin ein Mensch, mit welchem es zu Ende geht – die Ärzte wissen nicht einmal, wie sie meinen Krankheit nennen sollen, nevralgie stomacale goutteuse. Ich kann weder stehen, noch essen, noch schlafen, aber was rede ich! Es ist sogar langweilig, dieses alles zu wiederholen!
Mein Freund, großer Schriftsteller des russischen Landes – geben Sie acht auf meine Bitte! Benachrichtigen Sie mich, wenn Sie dieses Blättchen erhalten und erlauben Sie mir noch einmal Sie, Ihre Frau, alle die Ihrigen fest, fest zu umarmen …
Ich kann nicht mehr…. Ich bin müde!



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Ilse Linden/ Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag Berlin 1919