Der letzte Brief

 

Briefe berühmter Menschen

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe. Sein Aroma ist köstlich.
Was sonst in armseliger Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens, Glaubens Liebens– im letzten Brief wird er zu einer  Synthese.

Sein  Pathos ist unerhört- aber sein Ethos wächst darüber hinaus.
Beide –Pathos und Ethos – werden aufgenommen in die hohe Stimme einer nie zu
entwirrenden Mystik.  
Es ist das Schicksal der letzten Takte der neunten Symphonie, die eingehen in die
Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 

Ilse  Linden/  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919

 


Wagner Richard

1813 - 1883


 


Am 13. Februar 1883 ist der Himmel grau in Venedig. Es regnet ununterbrochen. Wagner haßt Regen. Fühlt sich verstimmt. " Heute muß ich mich in acht nehmen," sagt er zu seinem Diener.
Der Vormittag vergeht in Arbeit. Er schreibt: " Über das Weibliche im Menschen". - Plötzlich reißt ihm ein Krampf am Herzen. Stärker als sonst. Er klingelt: " meine Frau - der Doktor" - Einige Minuten darauf ist Wagner tot! -
" Kinderchen bleibt doch noch" hatte er am letzten Abend gesagt, als sich seine Familie ermüdet zurückziehen wollte. Der 70 jährige starb als ein Junger. Seine Lebenskraft schien ungebrochen. Ahnung des Todes war ihm fern.


Venedig, 11. Februar 1883.

Geehrter Freund und Gönner !
Habe Sie meinen Brief nach Amsterdam erhalten? Ich beantworte damit Ihre Fragen. Seitdem ist mir nichts übrig geblieben, als Ihre rastlose Tätigkeit zu verfolgen und einigermaßen mir vorzustellen, wann Sie sich endlich einmal ausruhen wollen? Im März wollen Sie nach Prag und Pest? So las ich in der Zeitung. Was weiter? Hatten Sie wirklich Venedig im Sinne? Das wäre eine unglückliche Idee gewesen. Hier herrscht jetzt nichts als " Revanche für Oberdank".

Germanen und Slaven - das geht; nur nicht Lateiner und Romanen. Belgien ist gut gemischt, ein Halbvolk vlämisch u. s. w. In Paris werden - oder würden Sie was Schönes erfahren. Rußland - Stockholm - Kopenhagen - am Ende auch Ungarn - Alles gut. Gern hätte ich einmal mit Ihnen geplaudert. Gewiß wird es Ihnen aber so bunt im Kopfe sein, daß Sie sich auf nichts von Ihren Fahrten mehr recht besinnen. Von Brüssel hatten wir durch Mad. Tardien sehr genaue Berichte. Seidl freut mich sehr. Jetzt nehmen Sie alle Segen des Himmels dahin, und dazu meine herzlichsten Grüße, von denen ich Sie bitte, nach Verdienst weiter zu verteilen.

Venedig, Palazzo Vendramin Catargi 11. Februar 1883

Ihr ergebener

Richard Wagner


 



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Ilse Linden/ Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag Berlin 1919