BRIEFE BERÜHMTER MENSCHEN

 

 

Der letzte Brief

BRIEFE BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe.
 Sein Aroma ist köstlich. Was sonst in armseliger
 Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens,
Glaubens Liebens
– im letzten Brief
wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört  - aber sein Ethos
wächst darüber hinaus. Beide – Pathos und Ethos –
werden aufgenommen in die hohe Stimme
einer nie zu  entwirrenden Mystik.  Es ist das Schicksal
der letzten Takte der neunten Symphonie,
die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 
Ilse  Linden
  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919
 
 

 

 

 

 COPPI  HILDE

1909 - 1943





Mit ihrem Mann, Hans Coppi, wegen Zugehörigkeit zu einer sozialistischen Widerstandsgruppe im September 1942 verhaftet.Im Gefängnis wird der Sohn Hans geboren; einen Monat darauf wird der Vater, acht Monate später, am 5. August im Alter von 34 Jahren, die Mutter hingerichtet



Meine Mutter, meine herzgeliebte Mutti!

Nun ist es bald so weit, daß wir Abschied nehmen müssen für immer.
Das Schwerste, die Trennung von meinem kleinen Hans, habe ich hinter mir.
Wie glücklich hat er mich gemacht!
Ich weiß ihn gut aufgehoben in Deinen treuen, lieben Mutterhänden, und um meinetwillen, Mutti, versprich es mir, bleibe tapfer.
Ich weiß, daß Dir das Herz brechen möchte, aber nimm es fest, ganz fest in Deine beiden Hände. Du wirst es schaffen, wie Du es immer geschafft hast, mit dem Schwersten fertig zu werden, nicht wahr, Mutti? Der Gedanke an Dich und das Herzeleid, das ich Dir zufügen muß, war und ist mir der unerträglichste; daß ich Dich allein lassen muß, in dem Alter, wo Du mich am nötigsten brauchst.
Kannst Du mir das je, jemals verzeihen?

Als Kind, weißt Du, wenn ich immer so lange wach lag, beseelte mich der eine Gedanke: vor Dir sterben zu dürfen. Und später hatte ich den einen Wunsch, der mich ständig bewußt und unbewußt begleitete:
Ich wollte nicht, ohne ein Kind zur Welt gebracht zu haben, sterben.
Siehst Du, diese beiden großen Wünsche haben sich erfüllt, also somit mein Leben. Ich gehe nun zu meinem großen Hans. Der kleine Hans hat - so hoffe ich - das Beste von uns als Erbe mitbekommen.
Und wenn Du ihn an Dein Herz drückst, ist Dein Kind immer bei Dir, viel näher, als ich Dir jemals sein kann. Der kleine Hans - so wünsche ich - soll hart und stark werden mit einem offenen, warmherzigen, hilfsbereiten Herzen und dem grundanständigen Charakter seines Vaters.
Wir haben uns sehr, sehr lieb gehabt.

Liebe leitete unser Tun. " Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen"
Meine Mutter, meine einzige gute Mutter und mein kleines Hänschen, alle meine Liebe ist immer ständig um Euch, sei tapfer, wie ich es auch sein will.

Immer

Deine Tochter Hilde



Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneid
 

 

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