BRIEFE BERÜHMTER MENSCHEN

 

 

Der letzte Brief

BRIEFE BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe.
 Sein Aroma ist köstlich. Was sonst in armseliger
 Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens,
Glaubens Liebens
– im letzten Brief
wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört  - aber sein Ethos
wächst darüber hinaus. Beide – Pathos und Ethos –
werden aufgenommen in die hohe Stimme
einer nie zu  entwirrenden Mystik.  Es ist das Schicksal
der letzten Takte der neunten Symphonie,
die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 
Ilse  Linden
  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919
 
 

 



 

Joseph MÜLLER

1894 - 1944

„Hier habe ich die allerschwersten Stunden meines Lebens durchgemacht, aber auch die allerseligsten Stunden."

(Beim Verlassen der Zelle zum Todesweg )



 



Priester

Geboren am 19. August 1894 in Salmünster, Kreis Schlüchtern (Hessen-Nassau). Verhaftet am 11. Mai 1944 zu Groß-Düngen als politisch nicht zuverlässig. Hingerichtet am 11. September 1944 in Brandenburg - Görden. Ein Wort an den älteren Bruder, der 1940 als Franziskanerpater mit seinen Mitbrüdern aus dem Kloster verbannt wurde: „Nun ist Deine Stunde da, zu der Dich Gott gerufen hat! Freue Dich und folge Ihm nach!" Beim letzten Besuch der Geschwister: „Wenn ich sterben muß, dann werde ich in den Tod gehen mit den Worten: "Credo in vitam aeternam!"
 

 


Briefe aus der Gefangenenzelle

Geschwister! So allein bin ich in meiner Welt. Ein Raum, ist da, in dem ich bin, dort bin ich allein, wie in einem Grabe. Der eisige Hauch einer Hand zwängt mich aus der Ferne in die Ohnmacht, in das wortlose Starren auf die Kerkermauern, dis mich festhalten. Nichts ist da, was freut, was Wärme bringt. Nur Dich weiß ich hier, Gott, den ich zum Gotte in meinem Schmerzenstempel gemacht habe, zum Gefährten meiner Einsamkeit, zum Mitwisser aller meiner Gedanken und Wünsche. Gedanken und Wünsche! Da steht in Deiner Schöpfung ein Stück Deiner Allmacht, das mir in mein Leben von Dir mitgegeben, das ich auf meiner Wanderung zu Dir mitnehmen soll - der Mensch... In seinem Geiste wohnst Du, aus seinen Augen schaust Du mich an, auf allen Wegen meines Wanderns steht Er ... Dein Mensch.
Im Leben des Berufes hast Du Ihn mir mitgegeben, daß ich mich ganz tief hineintasten, hineinleben und miterlösend hineinbluten soll. Es gibt aber auch solche Deiner Menschen, bei denen ich wie in Dir ausruhen, aussprechen, mich ausweinen darf, Menschen voll Sehnsucht nach mir hin und von mir liebeerfüllt zurückgehend. Unter diesen Deinen Boten-Menschen sind solche, die seit den ersten Tagen meines Seins das Wort „Du" zu mir sagten, und die ich im Du geschwisterlich umfing. Menschen-Seelen sind es, zu denen ich voll Sehnsucht hinstrebe und die sich zu mir hinlieben möchten. Eine heilige Geborgenheit geht da froh hin und zurück als Gruß von Dir, in dem wir uns alle getroffen haben. Sie sind mir menschlich mehr wert, als die anderen Pilger Deiner Erdwanderer; das gleiche Blut, die gleiche Elternliebe standen um uns in der äußeren Hülle des Leibes. Mehr noch: Da drinnen in unseren Herzen haben wir durch Dich einen Altar aufgeschlagen erhalten, auf dem Du priesterlich opfernd stehst. Deshalb sind sie mir so viellieb, weil ich, sie anschauend, Dich erkenne, mit ihnen sprechend, Deine Worte vernehme, ihre Hände erfassend, Deine linden, warmen Heilendshände in den meinen halte. Mit mir schreiten sie hinter Dir her, beten gemeinsam, tragen gemeinsam Deine Last, den Menschen, freuen uns gemeinsam und zeigen gemeinsam gegenseitig die Wunden und flüstern liebend Dir gemeinsam all die Geheimnisse zu, die das Erbarmen der Höhe uns schenkt. Voller Seele, voller Wärme, voller Liebe sind wir einander durch Dich. Wenn Du Dich freust, leuchtet es mir aus ihren Augen zu, aller Trost, alle Freude, alles Licht von Dir liegt dann am geschwisterlichen Band meines Daseins. In ihrer Umgebung spielte die Welt der Heimat sonniger Kindertage, rief zur bildenden Kraft in der Schule, fragte, plante, überlegte die Neigung, auf der einmal der Beruf in liebender Tätigkeit ausmünden sollte. Menschliche Begegnungen, Einsamkeiten, Bedrohungen durch Dämonen, Glück und Leid und Welt, aber auch Erlebnisse und Begegnungen mit Dir, o Gott, offenbarten wir uns gegenseitig. Wir sahen uns im Stürmen und Steigen, im Lieben und Kämpfen, wenn der Wille lahm und die Seele stumpf, wenn der Leib müde und krank war. Ja, miteinander sind wir gewachsen, ins Leben gereift, einer wurde des anderen Bildhauer und hämmerte und meißelte und betete Deine Liebe dem Bruder, den Schwestern ein. War einer gedrückt, mühselig und beladen, so durfte der eine beim anderen ausruhen, ausreden, ausbeten und in bitterer Not ausweinen, und auch dies schenkten wir uns — wir durften auch im Tode still und bleich und schweigend gewordene Geschwisterliebe aus unserem Herzen ausgraben und betten in Deinen heiligen Willen. Wenn man nämlich zu Dir ganz kommen will, muß man immer erst eine Zone des Schweigens und Weinens durchwandern, denn Du läßt Dich nur finden auf den Pfaden des Mitleidens und Mithelfens. Dann bist Du auf einmal der „Vater", der unter seine Kinder geht, sich mit ihnen freut und weint und auch für die kleinste Not ein gutes Herz hat. Wenn wir Geschwister diese Tür zu Deiner Kammer verschließen, dann machst Du eben nicht auf. Solch erbarmendes Zusammenfließen von Weinen und Klagen, von Tragen und Fragen, von Wägen und Wagen ist kostbarer als jede andere Hilfe, die Du in dem Zusammensein schenken willst. So willst Du, daß Geschwister, einer durch den anderen über sich hinauswächst und hingeführt wird zu den ewigen Kräften und Wahrheiten, für die ein Mensch eben lebt. Wer Dich nicht leuchten sah über Brüdern und Schwestern, hat Dein schönstes Licht nicht gesehen in seinem Leben. Was, o Gott, hast Du Dir eigentlich gedacht, als Du uns so, wie wir jetzt sind und was wir jetzt sind, zusammengeführt hast? Geschwister! Das bedeutet doch gegenseitiges Besitzen und Genießen, gegenseitiges Geben und Hergeben und als priesterliche Geschwister gegenseitiges Fortgeben! Geschwister! ... ist doch Sichverstehen und Sichvertrauen, ist menschlich . . . der Himmel eines ganz schönen Lichtkreises, der auf' leuchtet und ausleuchtet, beides - Glück und Leid.


Ja, auch der Schmerz gehört in den Kreis der Geschwister hinein, weil ganz große Liebe immer zum Leiden wird. Immerfort zittern Geschwister umeinander, nicht um die gegenseitige Liebe und Treue, nicht nur um die Trennung unter dem Raum und der Zeit, wenigstens nicht stark, ja die schoben sich seit frühen Tagen schon zwischen das Licht unserer Fenster - das ist das Wehtuendste in der liebenden Einheit von Geschwistern, der wehtuendste Nerv, daß einer den anderen leiden lassen muß und doch wieder das Leid des anderen leidet.

Es ist da immer ein Wegstück, wo jeder allein gehen muß, und das ist gerade das schwerste und dunkelste Stück des Weges, auf dem der Gipfel des Leidensberges liegt.
Dahin muß einer den anderen entlassen — ganz allein, und das ist des einzelnen Bruders, der Schwester persönliches Golgatha. Vom Leid laß mich Dir erzählen, das einer der Brüder den Geschwistern brachte, und das so tief ausströmte zu den anderen hin, nicht um zu klagen, nein, nur um Brücke zu schaffen zu Dir, Herr, und von Dir aus wieder zu den Lieben, die gestellt sind unter den gleichen Gotteswillen - der Heiligung der Seele.

Aus einem Brief an den Bischof und Generalvikar

Hildesheim, den 14. Mal 1944

Man wirft mir im Haftbefehl Dinge vor, die mein deutsches und priesterliches Arbeiten aufs Tiefste verletzen. Ich bitte Ew. Excellenz und Sie, lieber Generalvikar, mir dabei zu helfen, daß meiner Ehre als Deutscher und als Priester Gerechtigkeit werde. Ich kann jetzt vorerst: nicht mehr seelsorgerlich arbeiten, aber ich werde nun mit Christus den Weg gehen, der auch seelsorgerlich wertvoll ist, den des Leidens und des Betens.
Noch kenne ich meinen Weg nicht, den Gott mich in Zukunft führen will, aber ganz gleich, wie und wo das sein wird, er wird keine Jammergestalt antreffen. Aber auch ich brauche weiß ich, mir nicht versagt, dafür Ew. Excellenz und allen Confratres Dank. Wir haben heute an den Altären gesprochen: „Wenn ihr den Vater in meinem Namen bitten werdet, dann wird Er es euch geben!" Versuchen wir es zusammen in bleibender Stetigkeit, mit Hilfe unserer Schutzfrau, die mich an ihrem Festtage in die Einsamkeit geführt hat.
Sie breitet auch hier den Mantel aus und hilft mit, daß die Wahrheit meiner Denkart klargestellt wird, denn auch als Priester blieb mir mein Vaterland von einstmals, für das ich kämpfen und bluten durfte, in den Jahren des ganzen letzten Krieges, dasselbe wie heute, nämlich Deutschland. Und nochmals Dank, innigen Dank für Hilfe, Opfer und Gebet. Einer für den anderen. Wir tragen alle an einer Last, die manchmal sehr schwer wird, und die heißt Christus.

Gott zum Gruß

Joseph Müller




An die Geschwister

Berlin - Mohabit , 20. Juni 1944

... Es ist mir in meiner Lage ein großer Trost, wenn ich um all das Gedenken weiß, denn ein Außenstehender vermag sich das nicht vorzustellen, wie der Mensch da nach dem Worte hungert... Es waren schwere Tage, die aus priesterlicher Erinnerung heraus nun dahingegangen sind: Pfingsten, Fronleichnam u. a. Überall bin ich im Geiste mitgegangen und das „Warum" fiel oft hinein in die Gedanken. „Hebe auf Dein Kreuz und folge mir!"

Bis jetzt hatte Gott in all meinen früheren schweren Lagen Seine Achseln darunter gelegt, jetzt ist Er aus der Bürde gegangen, und hart ist seine Schwere und bitter seine Bitterkeit. Nun heißt's: Neig dich im Leiden, liebe die Feinde, meide Deine Freunde, sei geduldig in Widerwärtigkeiten, das ist jetzt mein Schreien!

Helft mir jetzt viel, daß Gott mir meinen Kummer und mein Weh leidlich mache, daß ich mich durchringe zum obersten Gotteswillen: „Nicht wie ich, sondern wie Du!" Möge nur bald Klarheit mir und Euch werden. Alle, die sich um mich sorgen, begleiten aus den Tagen der Prüfung heraus meine Gebete, besonders aber Euch, meinen lieben Geschwistern, sei Gottes Schutz allzeit nahe. Euch die ganze Bruderliebe,

Euer Joseph

Aus den letzten Tagen vor dem Tode

Nach Deinem Antlitz begehre ich, o Herr, und die Not meines Lebens ist, daß ich es nicht finde! Ich weiß, daß Du bist; ich weiß, was Du sprachst und was Du willst, Ich rief so oft nach Dir, aber Du zeigtest Dich mir nicht. Ich habe Dir Melodien meines Lebens vorgesungen: jubelnd und erzitternd, dankend und flehend, traurig und still - ich hatte mit Dir geplaudert, ich habe geklagt und gescholten, ich habe Dich bisweilen aus den Augen verloren, aber immer mußte ich zurück zu Dir. Immer hast Du dann auf mich gewartet, hattest mir ja meine Freiheit gelassen. Du wußtest genau, daß ich wiederkam. Und nun bist Du mir ganz nahe gekommen, daß ich Deinen Odem gleichsam an meiner Wange fühle, Du mein Urquell, Du mein Endziel, Du mein Himmel. Und nun soll's heimgehen ins „Leben", ins „ewige Leben", in „die Freude des Herrn", ins „Königreich". Jetzt will ich nichts mehr sagen, aber lauschen will ich, was Du mir zu sagen hast über meinen Himmel, in den Du mich haben willst.




Am Todestage


Brandenburg, den 11. September 1944 Am Tage vor Maria Namen.

Meine viellieben Geschwister Ewald, Oskar, Ida! Mein lieber, guter Bischof und alle lieben Mitbrüder, lieber Degenhardtl

Meine liebe Pfarrgemeinde, Kinder, Jugend, Männer, Frauen! Mein liebes, gutes Fräulein Krawinkel, liebe Schwestern, liebe Heininger, Lauterberger, Wolfenbütteler! Und alle anderen lieben, guten Menschen!

Nun kommt aus der Zelle der letzte Gruß dieser Erde zu Euch. Was soll ich da sagen? O, mein Herz ist so voll von Freude, daß es nun heimgeht zum Vater. Ich habe es schon die ganzen Tage gewußt, daß mein Opfer angenommen wird. Es ist jetzt 11.30 Uhr. In einer Stunde bin ich daheim, habe Euch für diese Erde verlassen, aber von der Liebe Christi kann uns nichts trennen. Einen Abschied schicke ich mit dankbar heißem Gesicht in Eure Welt. Leb wohl, Du kleine Hütte meiner Zelle, arm und treu, Du mein verschwiegener Freund. Du meine letzte Kirche und Kanzel. Leb wohl alles, was rückwärts liegt, Ihr Kirchen, in denen ich diente als Priester, Ihr Straßen und Gassen mit den guten und harten Menschen. Leb wohl, Du Geschwisterhaus, und letztes Haus meiner Arbeit, und sag allen, daß der Priester, der in Euch war, in seinen letzten Ketten und auf seinem letzten Gang nun stirbt, wie alle sterben, denen Christus Leben und Sterben Gewinn ist. Ich habe eben den 22. Psalm gebetet und das proficiscere anima mea. Zum letzten irdischen Beten für die alle, die an meiner harten Totenbahre stehen. Mit dem Gruß der Gnade gehe ich wie Johannes fort.

Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit Amen

Joseph Victima Christi




Letztes Gebet im Angesicht des Todes

11. September 1944

Hodie scietis, quia venit Dominus et videbitis hodie gloriam

eius et erit in illa die lux magna.

In Te Domine speravi, non confundar in aeternum.

Credo

in vitam aeternam!

(Heute, so sollt ihr wissen, kommt der Herr und heute werdet ihr Seine Herrlichkeit schauen und es wird ein großes Licht an diesem Tage sein. Auf Dich, o Herr, vertraue ich, ich werde in Ewigkeit nicht zuschanden werden.

Ich glaube ... an ein ewiges Leben.)







Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider

 

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