BRIEFE BERÜHMTER MENSCHEN

 

 

Der letzte Brief

BRIEFE BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe.
 Sein Aroma ist köstlich. Was sonst in armseliger
 Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens,
Glaubens Liebens
– im letzten Brief
wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört  - aber sein Ethos
wächst darüber hinaus. Beide – Pathos und Ethos –
werden aufgenommen in die hohe Stimme
einer nie zu  entwirrenden Mystik.  Es ist das Schicksal
der letzten Takte der neunten Symphonie,
die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 
Ilse  Linden
  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919
 
 

 



Libertas Schulze-Boysen

1913 - 1942

 



Du kamst, du gingst mit leiser Spur, / Ein flücht'ger Gast im Erdenland.
/ Woher? Wohin? Wir wissen nur: / Aus Gottes Hand in Gottes Hand. Ludwig Uhland




Erster Brief nach + der Verhaftung

21. Oktober 104

Meine geliebte Mutti!

Vor allem anderen: Hab' Dank und nochmals Dank für Deine starke Kraft der Gedanken und des Mitempfindens! Ich war in den ersten schweren Tagen geradezu wie getragen davon.
Deine Liebe, Deine ständige Nähe sind etwas so Großes für mich, daß ich nur innerlich hoffe, es Dir noch einmal im Leben lohnen zu können. Bitte, laß keinen Augenblick nach damit, Die Zeit macht die Dinge nicht leichter, sondern eher schwerer, weil man sie mehr und mehr begreift. Das Vertrauen nie allein zu sein, hilft so unendlich viel! Ein Trost sei Dir, daß ich diese Zeit schon jetzt als etwas Notwendiges und damit Positives werte, das mich ganz zu mir selbst führt und zu einem läuternden, stärkenden Gottempfinden.
Und des Schmerzes versuche ich Herr zu werden, indem ich ihn bejahe, mich um kein Schuldgefühl drücke und langsam von dem stärkenden Vertrauen erfüllt werde, das die kleine Lebensangst und die große Freiheitssehnsucht verdrängt: Wie es kommt, ist es am besten für mich.
Ich bin bereit es zu ertragen! - „Ich habe den Willen..." Und noch ein Trost: Alle sind gut zu mir, mit denen ich zusammenkomme.
Du kannst Dir denken, wieviel das wert ist! — Übrigens habe ich auch das Dichten wieder begonnen — langsam schält sich der alte Kern heraus — das wird Dich froh machen! Wieviel gäbe es noch zu schreiben, aber Gottlob verstehen wir uns auch ohne Worte. Hab nochmals Dank für Deine Liebe, Dein Vertrauen, Deine Kraft. Grüße alle, die an mich denken und danke ihnen in meinem Namen dafür.

In unsagbarer Liebe immer
Dein Kind
30. November 1942

Du meine Mutti!

30. November 1942

Es ist wirklich schwer Briefe zu schreiben, weil die „Gedankenpost" so gut funktioniert. Wenn man zudem bedenkt, wieviel hundertmal der andere diese Zeilen lesen wird, so ist es umso schwerere, Großes und über den Tag hinaus Gültiges zu sagen. Darum sage ich, wie Du so oft: „Hab Geduld, verlange nicht zu viel."
Nochmals Dank für Deine herrliche Ruhe bei unserem Wiedersehen.

Bitte erhalte sie Dir, um unser aller Willen! Die Nachwirkung dieses Wiedersehens ist so schön, so schwer es mir mich zunächst war.... Diese unser aller Verbundenheit ist wirklich ein so großes Geschenk, das ich nie aufhöre dankbar glücklich zu empfinden. Und über alles hält Gott seine große warme Hand ..... So sind diese Tage alle jetzt: Schwer und groß und voller Klärung, Reifen und Glauben. Ich bin dankbar für jeden Tag, da mir Zeit und Ruhe zu diesem Kämpfen und Wachsen bleibt.
Und der Schmerz, der lebendige, macht wirklich langsam das nun mir, was ich als Kind zu sein wünschte: „Eine Dichterin". Ich bin meiner Kindheit überhaupt so nahe. Weißt Du noch, wie ich vor langen Jahren zur Weihnacht in der Halle auf dem Flügel stand und als „Engel des Herrn" den Hirten sagen durfte: „Fürchtet Euch nicht!..." Denk, in dieser Weihnacht, die uns einander verbunden fühlen wird wie noch nie, daran - und denk an meine lingsstrophe:
„Wohl dir, du Kind ...".

Der Raum, in dem ich lebe, ist mir lieb und vertraut geworden. Nachts blickt das Gestirn der Kindertage, „Der große Bär", zum Fensterchen hinein. Die 12-Uhr-Stunde (um 12 Uhr mittags war von jeher ein Treffpunkt der Gebete von Mutter und Tochter) fühle ich, ohne eine Uhr zu haben. Dank der hohen Kräfte ist meine körperliche Verfassung weiter gut.Das ist wichtig, denn die Gerichtsverhandlung steht vor dar Tür.....
Und nun, meine geliebte Mutti, noch einmal die Bitte: Bleib stark. Ich will es auch bleiben. Und was auch immer kommen mag, ich will nicht daran zerbrechen, denn es gehört ja mit der heiligen Aufgabe Gottes, an dem ich nun nicht mehr irre werden kann. Ich füge zwei kleine Gedichte bei, deren eines vielleicht Anfang ist.
Das klingt vermessen, aber ich hege manchmal die stille Hoffnung, für das kaum Sagbare neuen und gültigen Ausdruck zu finden, was nichts anderes heißt als: Dichten, Aber um dahin zu kommen, muß man noch viel, viel leiden. Grüße alle die lieben, treuen Menschen, die an mich denken und bleib auch Du gesund und stark in dieser Zeit, die von so vielen, vielen Menschen so große Opfer verlangt.

Immer und für immer

Dein Kind



Am letzten Lebenstage geschrieben

22. Dezember 1942

Meine unbeschreiblich geliebte Mutti!

Da ich bereits in einem Traum lebe, aus dem ich, glücklich wie ich bin, zu keiner grausamen Wirklichkeit mehr erwachen muß, fallen mir Worte schwer. Du bist im Herzen bei mir, ach, könnte ich Dich doch ganz mitnehmen, um Dir das Leid zu sparen, das ich überwunden habe.
Es kam rasch und unerwartet, aber die Stunden vor Gericht um und jetzt noch und dazwischen waren so groß, daß ich fühlte, Größeres gibt es nicht mehr. O Gnade, jungen Leibs zu reifen - Du wirst dieses Gedicht bei meinen Sachen finden und wirst die tiefe Wahrheit erfühlen.
Ich wachse mit jeder Minute mehr in den Himmel hinein. ... Wenn ich Dich glaubensvoll lächelnd weiß, ist alles gut. Ich leide überhaupt nicht mehr und alles ist menschlich erfreulich und ohne Schrecken... Alle Strömungen meines bunten Lebens fließen zusammen, und alle Wünsche werden erfüllt: Ich bleibe jung in Eurem Gedächtnis ... Ich brauche nicht mehr zu leiden. Ich darf sterben wie Christus starb: Für die Menschen

Ich durfte nochmals alles und mehr erleben, was Menschen überhaupt erleben können. Und - da niemand vor der Erfüllung seiner Aufgabe stirbt — so konnte ich, aus dem Zwiespalt meiner Natur heraus, eben nur durch dieses Sterben zur großen Leistung kommen. Liebling, wir bleiben zusammen. Wir haben uns im Licht gefunden und ich darf Dich jetzt emporziehen, gewachsen wie Ich bin, so wie Du mich in den letzten Klosterwochen emporzogst.
Ich liebe die Welt, ich habe keinen Haß, ich habe den ewigen Frühling! Gräm Dich nicht um Dinge, die vielleicht noch hätten getan worden können, um dies und das — das Schicksal hat meinen Tod gefordert. Ich habe ihn selbst gewünscht... Ich habe als letzten Wunsch gebeten, daß man Dir meine „Materie" überläßt. Begrabe sie, wenn es geht, an einem schönen Ort mitten in der sonnigen Natur ... So, mein Liebling, die Stunde schlägt.

In unendlicher Nähe und Freude -
alle Kraft und alles Licht . . .

Dein Kind



Zweiter Abschiedsbrief, in den letzten Lebensstunden geschrieben, da Libertas nicht sicher war, ob der andere Abschiedsbrief durch das Kriegsgericht ausgehändigt werden würde. Dieser Brief wurde später auf heimlichen Wege zugeführt

Ja, mein Liebling, meine starke, einzige Mamuschka.
Was ich in diesen letzten Tagen erleben durfte, ist so groß und wunderbar, daß es Worte kaum mehr schildern können.. . . .
Ich weiß jetzt auch um die letzten Dinge des Glaubens und ich weiß, daß Du in dem Bewußtsein unserer ewigen Verbundenheit stark bist und froh. Dein Engel, der den Bösen ersticht (Du schicktest ihn mir zum Geburtstag) steht vor mir...
Wenn ich Dich um eines bitten darf: Erzähl allen, allen von mir. Unser Tod muß ein Fanal sein. Ihr, Du, mein Schwesterlein, mein Brüderlein, die Kinderchen — Ihr, die Ihr so nahe seid, in Euch lebe ich ja weiter und sage Euch mit dem tiefen Ernst der Stunde: Ich fand meine Vollendung, meinen eigenen Tod, mir hätte keine größere Gnade zuteil werden können als dies. Und: macht es mir „Drüben" nicht schwer mit Tränen, freut Euch mit mir.

Ich habe es gut.

Dein Kind








Literatur: Du hast mich heimgesucht bei Nacht
Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 -1945
Herausgegeben von Helmut Golwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider


 



 

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